Tolosanisches Reich

Als Tolosanisches Reich wird nach der Hauptstadt Tolosa (heute Toulouse) das von 418 bis 507 bestehende Reich der Westgoten in Südfrankreich bezeichnet, gelegentlich auch das bis 711 auf der iberischen Halbinsel weiterbestehende Reich (Toledanisches Reich).

Inhaltsverzeichnis

Geschichtlicher Überblick

Die begründung des Tolosanischen Reichs: Von 418 bis 507

Nach ihren Zügen durch das römische Reich erhielten die Westgoten 418 den Status von Föderaten und die Erlaubnis, sich in Südwestfrankreich anzusiedeln, was weitgehend in Kooperation mit der gallorömischen Oberschicht geschah. In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kämpften die Westgoten daher auf Seiten Roms gegen Hunnen, Ostgoten und andere Völkerschaften. Theoderid, der König der Westgoten, fiel in der Schlacht.

Starke Könige (wie Eurich) dehnten das Reich bis zur Loire und weit nach Spanien hinein aus. Kurz vor der Absetzung des letzten römischen Kaisers erhielt das Tolosanische Reich im Jahr 475 die formale Unabhängigkeit von Kaiser Julius Nepos zugestanden. Gleichzeitig erstarkten aber die Franken, die unter Chlodwig I. in der Schlacht von Vouillé im Spätsommer 507 gegen Alarich II., der dabei fiel, siegten. Südfrankreich ging bis auf Septimanien verloren, einen Küstenstreifen am Mittelmeer um Narbonne, damit auch Tolosa. Damit endete das Tolosanische Reich im eigentlichen Sinne.

Zivilisationsleistung des Tolosanischen Reiches

In seiner etwa 90-jährigen Geschichte wurde das tolosanische Reich auf vielen Gebieten zum Vorbild für die ersten Königreiche Galliens und Iberiens. Insbesondere in der Rechtsentwicklung wurde der Codex Euricianus (benannt nach dem König Eurich) für viele Jahrhunderte zum Vorbild, u.a. für alamannisches und bayrisches Recht. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts wurde dieser Kodex zum personalen Recht der Goten, gegenüber den Rechten der "Römer" unter den Goten, die in der Lex Romana Visigothorum aufgeführt wurden. Die beiden Rechtswerke regelten das Zusammenleben von Römern und Goten, Kauf und Schenkung, Testamente, Darlehen, Urkunden uvm. Die Goten definierten sich dabei nicht als ursprüngliches Volk, sondern zählten alle dazu, die sich ihnen angeschlossen hatten. Demgegenüber standen die Römer, die hauptsächlich als katholische Christen den arianischen Goten gegenüberstanden. Dieser religiöse Gegensatz bedingte lange Zeit auch ein Gefühl der Fremdheit zwischen den Volksgruppen. Römische Zivilbeamte und hohe Militärs dagegen standen an der Spitze der Zivilverwaltung. Als die Franken einfielen, kämpfte die römische Elite an der Seite der Goten. In den knapp 100 Jahren der Gotenherrschaft war so eine gemeinsame Identität gefunden worden.

Das Weiterbestehen in Hispanien

Das Reich bestand jedoch in Iberien weiter und konnte sogar noch vergrößert werden, manchmal wird es nun als Toledanisches Reich (nach Toledo) bezeichnet. Schließlich war die ganze iberische Halbinsel unter westgotischer Herrschaft, außer dem Reich der Sueben im Nordwesten (heute Galizien und Nord-Portugal), welches erst Ende des 6. Jahrhunderts erobert wurde, und den Basken im heutigen Baskenland und Kantabrien. In dieser Zeit erstarkte auch der Adel, welcher sich oft gegenüber dem Königtum behaupten konnte. Der religiöse Gegensatz zwischen den herrschenden Westgoten, die Arianer waren, und der katholisch-romanischen Untertanenbevölkerung wurde durch die Annahme des Katholizismus durch eine von König Rekkared I. 589 einberufene Synode (der bereits 587 zum katholischen Glauben übertrat) auch durch die Westgoten beendet. Zudem konnte die Byzantiner, die sich in der Zeit Justinians I. im Süden festgesetzt hatten, zu Beginn des 7. Jahrhunderts vertrieben werden.

Zerfall und Ende

Um die Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert erlebte das spanische Westgotenreich eine kulturelle Blütezeit (siehe nur beispielsweise Isidor von Sevilla und Ildefons von Toledo). König Rekkeswinth erließ 654 ein allgemeingültiges Recht für Goten und Romanen (Leges Visigothorum), während die Reichssysnoden von Toledo die gegenseitige Durchdringung von weltilcher und geistlicher Macht im Westgotenreich verdeutlichten, wobei sich die Bischöfe auch in die Politik einmischten.

Im 7. Jahrhundert zerfiel das Reich jedoch zusehends. Thronwirren waren immer wieder Anlass für Bürgerkriege. Einer der Prätendenten rief 711 angeblich sogar die muslimischen Mauren zu Hilfe, die vorher Nordafrika überrannt hatten (siehe Islamische Expansion). Diese eroberten Iberien in den Jahren nach der Schlacht am Guadelete und begründeten damit die Geschichte des maurischen Spaniens (siehe auch Al-Andalus). Die in Nordspanien unerobert gebliebenen Reiche wurden zu Keimzellen der iberischen Staaten Navarra, León, Kastilien und Aragón; sie hielten auch die Erinnerung an das Westgotenreich noch Jahrhunderte wach.

Literatur

See also: Tolosanisches Reich, 418, 475, 507, 587, 589, 6. Jahrhundert, 654, 7. Jahrhundert, 711