Treue
Treue bezeichnet eine wesentlich emotional gefestigte Charaktereigenschaft, die Dauerhaftigkeit von gemeinschaftlichen Bindungen verschiedener Art gewährleistet. Sozial wird sie üblicher Weise als wechselseitige Verpflichtung aufgefasst, als Schwur, Gelöbnis oder Versprechen. Sie setzt voraus, dass sie erwidert wird (Wickert, Das Buch der Tugenden, S. 621). Danach sind Voraussetzungen für Treue
Alternative Definitionen
Definition nach Otto F. Bollnow
Otto Friedrich Bollnow definiert in seinem Buch Wesen und Wandel der Tugenden (S. 160) folgende vier Merkmale der Treue:
- Festlegung für die Zukunft: Treue beruht auf einer in der Vergangenheit eingegangenen Bindung, mit der sich ein Mensch für die zukunft festlegt.
- Konkrete Beziehung zu einem anderen Menschen: Treue betrifft immer eine konkrete Beziehung, ein konkretes Verhältnis zum Anderen, also des Ich zum Du.
- Verhältnis, das den Menschen in seinem innersten Kern erfasst: Treue wurzelt immer im tiefsten Kern der menschlichen Persönlichkeit, sie setzt voraus, dass sich ein Mensch in seiner Ganzheit einzubringen bereit und in der Lage ist.
- Unbedingtheit und Unwandelbarkeit: Ihrem Wesen nach ist Treue "Ewige Treue", wobei sich hier das Problem einstellt, inwieweit der Mensch überhaupt in dieser Form über seine Zukunft verfügen kann. Eine Zukunft, die er oftmals selbst nicht vorhersagen kann und in deren Verlauf er Wandlungen unterworfen ist, auf die er nur bedingten Einfluss hat: innere Wahrhaftigkeit und äußere Treue können daher in Widerspruch geraten (s. Bollnow aaO, S. 161).
"Treu und Glauben" als Rechtsbegriff
In § 242 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) ist geregelt, dass der Schuldner verpflichtet ist, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Zum Begriff des Treu und Glaubens siehe dort.
Grenzen
Treue kann in unkritischer, naiver bzw. erstarrter Form zu sozialer und seelischer Abhängigkeit, Fixiertheit, ungerechtfertigter Anhänglichkeit oder auch zu konservativen Haltungen führen. In der Verbindung mit Standhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Einsatzbereitschaft und Besonnenheit gilt sie als eine hoch positive charakterliche Eigenschaft.
Zwiespältige oder gar fatale Folgen von Treue (z.B. zu Unwürdigen) sind literarisch ein beliebtes Thema (vgl. die "Nibelungentreue").
Gegensatz: Verrat, Untreue
Der Gegensatz zur Treue ist Verrat, der schon darin liegen kann, "dass man einem Freund in der Not nicht beisteht oder dass man sich nicht zu ihm bekennt, sondern ihn verleugnet, wo man sich mit dem Bekenntnis zu ihm zu kompromittieren glaubt", man ihn also "fallenlässt". (Otto F. Bollnow, Wesen und Wandel der Tugenden, S. 159 f.). Treue bewährt sich damit immer erst in Not- bzw. Krisensituationen.
Siehe auch zum Treubruch: Untreue.
Auswirkungen
Die Treue hat im wesentlichen bewahrende, erhaltende und überdauernde Wirkung. Treue führt zu Vertrauenswürdigkeit und Vertrauen, Berechenbarkeit des Verhaltens in der Gegenwart sowie Hoffnung auf die Zukunft. Treue zu sich selbst ("Ich bleibe mir selbst treu.") setzt die Ausbildung eigener Identität, Integrität und Selbstachtung voraus.
Beispiele
- soziale Bindungen als Partner-Treue (in z.B. Liebe, Ehe, Freundschaft)
- Treue zur Gruppe oder Gemeinschaft (z.B. zur Familie)
- Treue zwischen Patron und Klienten
- Bindungen von Jüngern an Heilande, Gurus, Meister (vgl. Charisma)
- Treue zu Orten oder Landschaften als Heimat-Treue
- Bindungen an Ideen und Grundsätze als Prinzipien-Treue
- Bindungen an Sitten, Überlieferungen und Gebräuche als Traditions-Treue
Literatur
Deutsche Klassik
Friedrich Schiller
Märchen
Madame Leprince de Beaumont, Die Schöne und das Tier
- Ein ehedem reicher Kaufmann, der all sein Hab und Gut verlor, wohnt mit seinen drei Töchtern in einem winzigen Häuschen. Eines Tages wird er zum Hafen gerufen: eines seiner verloren geglaubten Schiffe sei dort. Lisette und Ninette, die älteren Schwestern, wünschen sich Kleider, Schuhe und Juwelen. Die Schöne, die jüngste, bittet bescheiden um eine Rose vom Wegesrand. Aber die Rose, die der Vater bei einem Schloss tief im Wald pflückt, gehört dem hässlichen Tier. Es nimmt ihn gefangen und lässt ihn nur unter der Bedingung frei, dass eine seiner Töchter seinen Platz einnimmt. Die Schöne steht für ihren Vater ein. Obwohl sie von der Hässlichkeit des Tieres abgestoßen ist, erkennt sie doch dessen Gutherzigkeit und kann es schließlich durch ihre bedingungslose Liebe von seiner schrecklichen Gestalt erlösen.
- Französisch: http://www.fh-augsburg.de/~harsch/gallica/Chronologie/18siecle/Leprince/lep_bell.html
- Deutsch: Die Schöne und das Tier
Gebrüder Grimm: Der treue Johannes
Gedichte
Johann Wolfgang von Goethe
Frage nicht, durch welche Pforte
Du in Gottes Stadt gekommen,
Sondern bleib am stillen Orte,
Wo du einmal Platz genommen.
Schaue dann umher nach Weisen
Und nach Mächtigen, die befehlen;
Jene werden unterweisen,
Diese Tat und Kräfte stählen.
Wenn du nützlich und gelassen
so dem Staate treu geblieben,
Wisse! niemand wird dich hassen,
Und dich werden viele lieben.
Theodor Fontane, Archibald Douglas
Ludwig Heinrich Christoph Hölty
Üb immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!
Dann suchen Enkel deine Gruft
Und weinen Tränen drauf,
Und Sommerblumen, voll von Duft,
Blühn aus den Tränen auf.
Sonstige
- Stefan Zweig, in Sternstunden der Menschheit: Die Flucht zu Gott (Dialog zwischen Leo Tolstoj und revolutionären kommunistischen Jugendvertretern)
Sekundärliteratur
Monographien
- Otto Friedrich Bollnow, Wesen und Wandel der Tugenden, S. 159 ff. (Die Treue)
- Albert Schweitzer, in Ehrfurcht vor dem Leben: Über die Treue
- Ruthard Stäblein (Herausgeber), Treue. Zwischen Vertrauen und Starrsinn. ISBN: 3891514018
- Ulrich Wickert, Das Buch der Tugenden, ISBN 3455110452, S. 619 ff. (Zuverlässigkeit und Treue)
Aufsätze in Zeitschriften
- Friedrich Graf von Westphalen, Die Grenzen des Wortgebrauchs, die Wahrhaftigkeit und das Recht, AnwBl. 2004, 665, 668 (über die eheliche Treue)
Zitate
- Auf Erden gibt's nicht bessern Fund als treues Herz und stillen Mund. Sprichwort
- Sicher ist nicht jede Liebe treu; aber jede Treue ist immer liebevoll. (André Comte-Sponville)
Siehe auch
Vertrauen, Versprechen
und als Einzelbeispiele einer auf Nichtmenschen projizierten "Treue"-Vorstellung: Argos (Hund) und Greyfriars Bobby
