Triebkraft und Widerspruch


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Kategorie:Philosophieartikel

Triebkraft und Widerspruch bezeichnen ein Kapitel der historischen Entwicklung von philosophischen Begriffsauffassungen im 17. und 18. Jahrhundert in der bürgerlichen Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Zu Triebkraft, Wirkkraft und Kausalität

Als das Bürgertum in Westeuropa im 17. und 18. Jahrhundert gegen die Feudalkräfte auftrat, spielte die Schaffung einer Weltanschauung eine große Rolle. Es kam darauf an, jene elementaren Beziehungen zu entdecken, die als Triebkraft aller natürlichen Vorgänge wirken. Diese Beziehungen wurden in der Ursache-Wirkung-Verknüpfung gesehen.

In der materialistisch gefassten Kausalität war jene Grundstruktur der Veränderung entdeckt, die es gestattete, den Ablauf der Prozesse der Wirklichkeit ohne Zuhilfenahme einer transzendenten, extramundanen Wirkkraft zu erklären. Es ist daher völlig natürlich, dass die Kategorie Kausalität ein entscheidender Begriff der Philosophie des 17. und 18. Jahrhundert wurde.

Der philosophische Gehalt, den der Begriff Kausalität im 17. und 18. Jahrhundert enthielt, besaß naturgemäß noch nicht jenen Reichtum, den er im modernen Materialismus erlangt hat. Die Erkenntnis entwickelte sich historisch vom Abstrakten zum Konkreten, vom Einfachen zum Komplizierten.

In der Regel besitzen die Anfänge eines Begriffs, einer Theorie nicht jenen Umfang und Inhalt, wie er in späteren Entwicklungen auftreten kann. Die einfachste Form des Kausalverhältnisses liegt dort vor, wo die Ursache-Wirkung-Verknüpfung als äußere Beziehung fungiert, wo die Bewegung und Veränderung Resultat eines äußeren Anstoßes ist. Dies stellt jedoch eine Abstraktion dar, weil in Wirklichkeit eine Wechselwirkung vorhanden ist.

Dies hing auch damit zusammen, dass in der klassischen Mechanik, der naturwissenschaftlichen Grundlage der progressiven Philosophie jener Zeit, eine Bewegungsauffassung vorlag, die die Kausalität ebenfalls wesentlich bloß als äußeres Verhältnis fasste. Immanuel Kant formulierte als Gesetz der Mechanik, dass jede Veränderung der Materie eine äußere Ursache habe, da die Materie schlechthin keine inneren Bestimmungsgründe besitze (in: Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft).

Was die Anschauungen über die Entwicklung der lebenden Materie angeht, so finden wir auch hier, man denke an Buffon und Geoffroy Saint-Hilair, das Bemühen um Erklärung der Entwicklungsprozesse als Resultat äußerer Einflüsse. Die Bedeutung der Umwelteinwirkungen wurde verabsolutiert; es wurde nicht nach der aktiven Rolle der Lebewesen gefragt, und daher blieben auch die inneren Beziehungen und Zusammenhänge der Organismen noch weitgehend außer Betracht.

Zur Definition der Ursache und Bewegung bei Holbach

Holbach definierte die Ursache als ein Ding, das ein anderes in Bewegung setzt. Der Gedanke der Selbstbewegung, der bereits in der Philosophie der Antike aufgetreten war, spielte bei ihm keine wesentliche Rolle. In Holbachs Philosophie war der Begriff der Entwicklung noch nicht ausgearbeitet, Bewegung wurde als bloßer Ortswechsel definiert.

Was die Veränderungen in der Gesellschaft angeht, so erklärte sie Holbach nicht nach spezifischen inneren Triebkräften der sozialen Entwicklung, sondern blieb auch hier seiner Vorstellung der Kausalität als eines äußeren Verhältnisses treu, indem er die Menschen als Produkt der Erziehung im weitesten Sinne auffaßte und zur Erklärung sozialer Prozesse äußere Ursachen statuierte, die zu jenen vielfach kaum innere Beziehungen besaßen.

Gleichzeitig war die Bewegungsauffassung Holbachs jedoch entschieden materialistisch; der Philosoph erklärte, dass die Natur die Bewegung aus sich selbst habe und man ein Bewegungsprinzip nicht außerhalb der Natur suchen dürfe. Insofern war der Gedanke der Selbstbewegung der Materie, der Selbstbewegung in einem allgemeinen Sinn, in Holbachs Philosophie bereits ausgesprochen, und es kam in der historischen Erkenntnisentwicklung darauf an, diesen Grundgedanken durch Analyse realer Entwicklungsprozesse zu konkretisieren und ihm Leben zu geben.

Zur Auffassung der Bewegung bei Diderot

Ansätze dazu lagen bereits bei Denis Diderot vor. Diderot sah das ganze Universum als im Prozess ewiger Entwicklung und Veränderung befindlich an. Er reduzierte die Bewegung nicht auf bloße Ortsveränderung und vertrat den Gedanken der Selbstbewegung, der Entwicklung der Materie auf Grund innerer Aktivität. Jedoch gelangte Diderot noch nicht zur Erkenntnis des Widerspruchs als Triebkraft der Entwicklung.

Zur Frage der Triebkräfte der Bewegung

Die Frage nach den inneren Triebkräften der Bewegung, Veränderung und Entwicklung wurde mit wachsender Bewusstheit von den Vertretern der deutschen Philosophie gestellt und beantwortet. Dies stand mit der Tatsache im Zusammenhang, dass in den Mittelpunkt des philosophischen Denkens immer mehr die Problematik des Menschen, der Gesellschaft trat.

Es galt, die gewaltigen sozialen Umwälzungsprozesse jener Epoche, der Epoche der Geburt der bürgerlichen Gesellschaft, denkend zu begreifen. Das Problem, die Unvermeidlichkeit des Übergangs der Menschheit vom Feudalismus zum Typ des westeuropäischen Nationalstaates zu erklären, verlangte von den Philosophen, die Bedingungen und Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklung des Menschen - soweit das Bürgertum ein Erkenntnisinteresse daran besaß - zu enthüllen.

Die Erklärungsversuche in Anlehnung an die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Betrachtung

Der Materialismus des 18. Jahrhunderts hatte sich wesentlich als eine Philosophie der Natur begriffen; Holbach erklärte wiederholt, dass die Philosophie in der Kenntnis der Natur, im Gegensatz zur Theologie, bestehe. Diese zunächst in höchstem Maße fruchtbare Denkweise führte jedoch zu Einseitigkeiten der Art, dass die gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Menschen weitgehend mit Erkenntnisvoraussetzungen analysiert wurden, die aus der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise entlehnt waren.

Zum Ansatz von Johann Gottfried Herder

Es kam nun in der philosophischen Entwicklung darauf an, den Menschen gedanklich aus der Naturbestimmtheit zu lösen und das gesellschaftliche Leben als eine besondere Qualität zu begreifen. Dies bildete eine wesentliche, bestimmende Denkkonstellation der klasssichen deutschen Philosophie. In der Geschichtsphilosophie J. G. Herders lässt sich in gewisser Weise der Übergang von der Auffassung, dass äußere Ursachen, vor allem das Klima, den Geschichtsverlauf bestimmen, zur Konzeption der Entwicklung auf Grund innerer Impulse feststellen.

Einerseits wurden noch äußere Bedingungen als Entscheidend für die Entwicklung der Pflanzen, Tiere und Menschen bestimmt, andererseits aber blieb es Herder nicht verborgen, dass das Klima sich kaum veränderte in einer Zeit, da die Menschheit wesentliche Fortschritte der Entwicklung erlebte. Daher stellte Herder bereits die Frage nach den inneren Zusammenhängen und Triebkräften des Geschichtsverlaufes; er sah im Menschen, der durch die Arbeit seine Lebensbedingungen verändert, das Subjekt und nicht mehr nur das Objekt der Geschichte.

Zu den Momenten der Widerspruche und der Gegensätze als Triebkräfte

Es gab bei Herder häufig Erwägungen darüber, dass Gegensätze und Widersprüche die Entwicklung in Natur und Gesellschaft stimulierten. Diese Denkansätze fanden ihre Weiterentwicklung bei den Hauptvertretern der klassischen deutschen Philosophie. So entwickelte Kant die Lehre vom Antagonismus in der Gesellschaft als Triebkraft der sozialen Entwicklung.

In Kants Anschauung reflektierten sich die Erfahrungen der beginnenden bürgerlichen Entwicklung; es war der kapitalistische Konkurrenzkampf, der Kant das empirische Material zu der Überzeugung lieferte, im Wettstreit, im Gegeneinander der Menschen liege die Quelle des Fortschritts in der Gesellschaft.

Zur Quelle und Inhalt der Geschichte bei Fichte

Ähnliche Gedankengänge findet man bei Johann Gottlieb Fichte, nur war es hier vor allem der politische Kampf, der die Grundlage für die Anschauungen über das Wirken der Gegensätze als Motor der sozialen Entwicklung bildete. Diese Auseinandersetzungen der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts in Deutschland gedanklich zusammenfassend, formulierte Fichte die These, dass der Kampf entgegengesetzter Parteien die Quelle und Inhalt der menschlichen Geschichte bilde.

Bei Fichte wird gleichzeitig zum erstenmal in der Geschichte der philosophischen Erkenntnis der Widerspruch umfassend als Triebkraft der (gedanklichen) Entwicklung bestimmt und damit methodisch für die Philosophie fruchtbar gemacht. Die von Fichte ausgearbeitete synthetische Methode - die Denkimpulse der Kantschen Antinomienlehre aufnahm und fortführte - fußte auf dem Gedanken, dass die Setzung und Lösung der Widersprüche den Stimulus der Gedankenentwicklung darstellt.

Nach Fichte enthalten die einzelnen Stufen des philosophischen Erkenntnisganges gegensätzliche Seiten, Widersprüche, deren scharfe Formulierung und anschließende Lösung den inneren Zusammenhang des Ganges der philosophischen Gedankenentwicklung herstellt. Die Selbstbewegung, wie sie damit von Fichte gefasst wurde, war freilich eine solche des Geistes, des reinen absoluten Bewusstseins, wobei Fichte annahm, dass sich auch die Wirklichkeit in der durch den Rhythmus der Geistesentwicklung bestimmten Weise entfalte.

Die Weiterentwicklung der Auffassung vom inneren Widerspruch bei Hegel

Fichte äußerte den Gedanken, dass das Ich durch den inneren Widerstreit sich selbst reproduziere. Eine im Grunde mit der Fichteschen Konzeption identische Auffassung von der Rolle des inneren Widerspruchs als Triebkraft der Entwicklung findet man bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hegel ging in seiner Gesellschaftsauffassung davon aus, dass die äußeren Faktoren nur sekundäre Bedeutung für den geschichtlichen Prozess besitzen, dass die primäre Rolle die inneren Widersprüche der Gesellschaft spielen.

Dabei hatte er allerdings weniger soziale Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Klassen im Auge, als vielmehr jene gegensätzlichen Momente, wie sie für das dialektische Wechselverhältnis von Individuum und Gesellschaft kennzeichnend sind. Hegel formulierte die Erkenntnis, dass der Widerspruch Quelle und Triebkraft der Entwicklung ist, aber er konzipierte, ähnlich wie Fichte, die Entwicklung als Gedanken- und Geistesentwicklung und fasste den Widerspruch als Vernunftbestimmung.

Den Erkenntnissen in der materialistischen Dialektik ist zu entnehmen, dass es nicht genügt, allgemein vom Widerspruch als bestimmendes Entwicklungsmoment zu sprechen, sondern dass man gleichzeitig die verschiedenen Existenzformen des Widerspruchs berücksichtigen muss.


Kategorie: Dialektik

See also: Triebkraft und Widerspruch, 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert, Antagonismus, Antinomie, Bürgertum, Denis Diderot, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant