Musik der Türkei
Die moderne Türkei wurde 1923 ausgerufen. Es folgte eine Kampagne, um eine gesamttürkische Identität zu etablieren. Dieses Bemühen war nur zum Teil erfolgreich und regionale Vielfalt – insbesondere in der Musik – blieb erhalten.
Klassische türkische Musik war zu jener Zeit der bekannteste musikalische Export, wurde jedoch von Mustafa Kemal Atatürks Regierung als zu arabisch angesehen. Atatürk schränkte die Veröffentlichung arabischer Musikfilme ein und förderte westliche klassische Musik und Halk Müsiği, ein Oberbegriff für verschiedenste Arten anatolischer Volksmusik.
Gleichzeitig fanden viele Umstrukturierungen statt. 1924 zog das Imperiale Orchester (Mızıka-ı Hümayun) von İstanbul in die neue Hauptstadt Ankara um und wurde in das Orchester der Präsidentschaft der Republik (Riyaset-i Cumhur Orkestrası) umbenannt. Im gleichen Jahr wurde eine Akademie für Ausbilder für Musik im westlichen Stil gegründet. 1926 wurde die Orientalische Musikschule von İstanbul in das Konservatorium von İstanbul umbenannt. Junge talentierte Musiker wurden in das Ausland geschickt, damit sie eine weitergehende musikalische Erziehung geniessen konnten. Unter diesen Studenten waren auch die bekannten türkischen Komponisten Cemal Reşit Rey, Ulvi Cemal Erkin, Ahmet Adnan Saygun, Necil Kazım Akses und Hasan Ferit Alnar. Schließlich wurde 1936 mit Hilfe des deutschen Komponisten und Musiktheoretikers Paul Hindemith das Staatskonservatorium von Ankara gegründet.
Wiederum auf Atatürks Anweisung wurde 1924 eine breite Einordnung und Archivierung von Aufnahmen türkischer Halk-Musik aus Anatolien begonnen und bis 1953 fortgeführt. Während dieser Zeit wurden 10.000 Volkslieder gesammelt. Der ungarische Komponist Bela Bartok besuchte im Zusammenhang mit dieser Arbeit 1936 Ankara und den Südosten der Türkei.
Atatürks Einschränkung arabisch beeinflusster Musik wurde 1934 von Bürokraten falsch verstanden und führte zu einer kompletten Verbannung osmanischer klassischer Musik. Der Bann wurde etwa ein Jahr später von Atatürk persönlich abgeschafft.
1976 erlebte sanat (eine Form der klassischen Kunstmusik) eine Renaissance und das Staatskonservatorium in İstanbul wurde gegründet, um klassischen Musikern die gleiche Unterstützung geben zu können, wie dies mit Volksmusikern schon lange der Fall war.
In den 1980ern setzte der Präsident Turgut Özal liberale Medien-Regularien durch und Pop, Rock, Hip Hop und arabeske Musik drang in die Mainstream-Musik der Türkei ein. Zum ersten Mal wurde auch Musik in kurdischer Sprache erlaubt, neben religiöser Sufi-Musik, insbesondere Mevlevi ayin (drehende Derwische).
Im Jahr 1991 wurde durch Mithilfe des türkischen Kultusministeriums das Staatsensemble für klassische türkische Musik (İstanbul Tarihi Türk Müziği Topluluğu) ins Leben gerufen, das die traditionellen Lieder der türkischen Tariqas (Sufi-Orden) pflegt. Prominentestes Mitglied dieses Ensembles ist Ahmet Özhan.
| Inhaltsverzeichnis |
Popmusik
Arabesk dominiert die türkische Popmusik. Es ist größtenteils arabischen Ursprungs und stammt vom Raks Şarkı ab (besser bekannt als Bauchtanz-Musik). Arabesk wurde in den 1940ern populär durch Kaydar Tatlıyay und anderen Künstlern. Das 1948 erwirkte Verbot arabischsprachiger Musik war nicht erfolgreich, da viele Türken auf ihren Radiogeräten Radio Cairo empfingen und arabische Musik weiterhin hohe Popularität genoss. Mitte der 1960er wurden Volksmusikelemente in die arabeske Musik bei Musikern wie Ahmet Sezgin, Abdullah Yüce und Hafiz Burhan Sesiyilmaz eingearbeitet. Orhan Gencebay und andere Künstler fügten später angloamerikanischen Rock & Roll der arabesken Musik hinzu.
Cem Karaca ist der bestbekannte Interpret des Anadolu Rock. Er ebnete die Bühne für politisch motivierte Künstler wie Moğollar (Murat Ses), Yeni Türkü, Bulutsuzluk Özlemi, Zen und Zülfü Livaneli.
Livaneli wurde durch die Erfindung der Özgün Musik bekannt, ein gitarrenbasierendes Genre in Kombination mit sanfter Singstimme mit arabesker Musik und ländlichen Melodien. Die Texte waren im allgemeinen nicht revolutionär, jedoch sang beispielsweise Ahmet Kaya Gedichte vom linksaktivisten Nazım Hikmet.
Der größte türkische Popstar des 20. Jahrhunderts ist vermutlich Sezen Aksu, die viele der türkischen Beiträge zum Eurovision Song Contest produzierte. Sezen ist für ihre leichte Popmusik, als auch ihre umstrittenen Stellungnahmen zu Feminismus, Serbien und den Cumartesi Anneleri berühmt.
1995 brachte die türkdeutsche Gemeinschaft die Hip Hop Gruppe Cartel hervor, die in der Türkei und in Deutschland aufgrund ihrer revolutionären Texte kontrovers diskutiert wurden. Andere türkische Rapper sind Aziza-A, DJ Volkan, KMR and DJ Mahmut.
Siehe auch: Türkischer Hip Hop
Roma
Roma sind türkeiweit für ihr Musikantentum bekannt. Ihre Musik wird Fasil genannt und wird oft mit der unteren Gesellschaftsschicht in Verbindung gebracht, kann jedoch auch in besseren Etablissement angetroffen werden. Viele der populärsten Roma Künstler stammen von Tarlabaşı und spielen Zurna und Darbuka. Der berühmteste Fasil-Musikant ist Mustafa Kandirali.
Mevlevi
Die Mevlevi-Derwische sind auch außerhalb der Türkei bekannt. Ihre Musik besteht aus langen und komplexen Kompositionen, die Ayin genannt werden, denen auf Gedichte vom Gründer und Dichter Dschalal ad-Din Rumi basierende Gesänge vorausgehen und folgen. International gut bekannte Musiker sind Necdet Yaşar and Kudsi Ergüner.
siehe auch: Ilahi, Staatsensemble für klassische türkische Musik
Volksmusik
Der größte Teil türkischer Volksmusik basiert auf der Saz, die eine Art langhalsiger Laute ist. Saz-Orchester, manchmal mit importierten Gitarren, Bassgitarren und Schlagzeug, bilden die Basis für die Volksmusik-Form Türkü. Der einflussreichste Türkü-Künstler und anderer populärer urbaner Volksmusik war Mitte der 1980er Belkis Akkale. Belkis' Format umfasste ein Saz-Orchester mit gefühlvollem Gesangspart.
Das Zurna und Davul Duo ist in ländlichen Gebieten beliebt und spielt auf Hochzeiten und anderen Feiern. Auch Elektrosaz und Darbuka Duos, die häufig von elektrischen Keyboards begleitet werden sind populär. Andere Formen tanzbarer Volksmusik sind Çifte Telli, Karşılanma, Zeybek und Halay.
Ein fünftel der türkischen Bevölkerung sind Aleviten, deren bekannte Volksmusik von reisenden Barden gespielt wird, die Aşık heißen. Die Lieder der Aşıks stammen vom zentralen Nordosten der Türkei und enthalten mystische Offenbarungen, Bittgebete an alevitische Heilige und Mohammeds Schwiegersohn Ali. Viele dieser Lieder werden von den Aleviten der Legende von Pir Sultan Abdal zugeschrieben. Ruhi Su belebte die Musik der Aşıks in den frühen 1970ern wieder. Einige Aşıks wie Mahsuni Şerif, Aşık Veysel und Ali İzzet verarbeiteten sozialpolitische Texte.
Aus dem westlichen Anatolien kommt der Bozlak, eine Art vortragende teilweise improvisierte Musik, für die besonders Neşet Ertaş berühmt ist. Um die Stadt Kars hat die Aşık-Musik eine mehr spirituelle Neigung, die auch in rituellen Schlagabtausch-Wettkämpfen vorkommt.
Klassische Musik
Die meiste türkische Musik hat den Makam gemeinsam. Makam ist ein System aus Tonarten oder Tonleitern und anderen Kompositionsregeln, als auch Improvisationsteilen, die Taksim genannt werden. Taksim sind Teile einer Musiksuite, die aus Präludium, Postludium und einem Hauptteil besteht, die mit einer Taksim startet und durch Taksim unterbrochen wird. Auch Lieder sind Teil dieser Tradition. Viele dieser Lieder sind äußerst alt und stammen aus dem 14. Jahrhundert. Viele sind aber auch jünger. Besonders diejenigen aus der Feder von Haci Arif Bey aus dem 19. Jahrhundert stammende sind besonders populär.
Türkische klassische Musik wird in Konservatorien unterrichtet. Das am meisten geachtete ist das Üsküdar Musiki Cemiyeti in İstanbul. Der populärste Sänger der türkischen klassischen Musik ist Münir Nurettin Selçuk, der als erstes einen Hauptsänger etablierte. Andere Künstler sind Bülent Ersoy, Zekai Tunca und Zeki Müren.
Türkischer Einfluss auf die westliche klassische Musik
Europäische klassische Komponisten im 18. Jahrhundert waren von der türkischen Musik, insbesondere den starken Rollen der Blechbläser und Schlaginstrumente in den Janitscharkapellen, fasziniert. Joseph Haydn schrieb seine Militärsinfonie und einige seiner Opern um türkische Instrumente einfließen lassen zu können. Türkische Instrumente wurden auch in Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie einbezogen. Mozart schrieb seine Rondo alla turca in seiner Klaviersonate in A-Dur und benutzte auch türkische Motive in einigen seiner Opern. Obwohl dieser türkische Einfluss nur eine Modeerscheinung war, führte er Becken, Basstrommel und Glocke in das Symphonieorchester ein.
Der Jazzmusiker Dave Brubeck schrieb seine Blue Rondo à la Turk als Tribut für Mozart und die türkische Musik.
Siehe auch: Janitscharenmusik
Siehe auch
Literatur
- Stokes, Martin. "Sounds of Anatolia". 2000. In Broughton, Simon and Ellingham, Mark with McConnachie, James and Duane, Orla (Ed.), World Music, Vol. 1: Africa, Europe and the Middle East, pp 396-410. Rough Guides Ltd, Penguin Books. ISBN 1-85828-636-0
