Überbrettl

Das 1901 von Ernst von Wolzogen in Berlin gegründete "Überbrettl" war das erste deutsche Kabarett. Vergleichbare Etablissements gab es vorher bereits in Paris, am bekanntesten wohl das "Chat Noir" von Rodolphe Salis am Montmartre. Dort nutzten Künstler die Gelegenheit, sich gegenseitig ihre neuesten Stücke und Nummern vorzuführen, um zu prüfen, wie sie ankamen. Dieses Konzept der Kleinkunst wirkte als ein Gegenmodell zu etablierten Kunstformen und entsprach damit sehr dem spontanen, sozialkritischen Lebensgefühl insbesondere der jungen Künstlergeneration um die Jahrhundertwende ("Bohème").

Diese Atmosphäre beschrieb 1897 auch Otto Julius Bierbaum in seinem Roman Stilpe, der Wolzogen dazu angeregt haben soll, eine vergleichbare Einrichtung in Deutschland zu schaffen. Als Namen wählte Wolzogen, der in seiner Münchener Zeit Erfahrungen als Spielleiter gesammelt hatte, mit "Überbrettl" eine ironische Anspielung auf Friedrich Nietzsches Wort vom "Übermenschen", womit zugleich ausgedrückt werden sollte, dass es sich weit mehr als um ein übliches "Brettl", wie man damals kleine Tingeltangel-Klubs nannte, handeln sollte, von denen man sich durch literarisch-künstlerischen Anspruch abheben wollte.

Realisiert wurde das Projekt in Berlin, wo es am 18. Januar 1901 am Alexanderplatz zur Eröffnung des "Überbrettls" kam. Vertreten waren u.a. Nummern von Christian Morgenstern mit einer Parodie auf Alfred Kerr, von Bierbaum und dem Einakter Episode von Arthur Schnitzler. Zunächst war dieses "Bunte Theater" ein voller Erfolg, die Vorstellungen ausverkauft. Die Balladen, Sketche und musikalischen Darbietungen des "Überbrettl" fanden schnell andernorts Nachahmer, sodass innerhalb weniger Jahre Dutzende Kabaretts entstanden. Die musikalische Leitung des "Überbrettl" übernahm vorübergehend der junge Arnold Schönberg.

Insbesondere der Umzug in ein größeres Haus im Berliner Südosten und die zunehmende Konkurrenz führten aber das "Überbrettl" und seinen in betriebswirtschaftlichen Fragen wenig erfahrenen Leiter schnell in Schwierigkeiten, sodass sich Wolzogen bereits 1902 von dem Projekt verabschiedete, das bald an Schwung verlor und sich Lustspielproduktionen zuwandte.

See also: Überbrettl, 18. Januar, 1897, 1901, 1902, Alexanderplatz (Berlin), Alfred Kerr, Arnold Schönberg, Arthur Schnitzler, Berlin