Übertragung (Psychologie)
Übertragung ist zum einen ein psychodynamischer Mechanismus, der verdrängte und verpönte Triebregungen aus dem Kindheitsalter und der psychosexuellen Entwicklung auf eine aktuelle, ähnliche Situation überträgt und somit der Kompensation und Auseinandersetzung dieser Triebe dient.
Es existieren folgende Übertragungsszenarien:
- Rachsucht und Rechthaberei im Erwachsenenalter geht auf lieblose Erziehung zurück; Erziehung durch Liebesentzug
- stark negative Reaktionen auf narzistische Kränkungen geht auf Bevormundung anderer Geschwisterkinder und Lieblosigkeit zurück
- Trennungsängste basieren entweder auf Trennungserfahrung in der Kindheit oder auf einer sehr starken und gut ausgeprägten Bindung zu bestimmten Personen
- spontane Sympathie/Hass für bestimmte Personen. Grund sind Parallelen zu Personen der Vergangenheit
Im Bereich der Psychoanalyse wird unter Übertragung ein gezielt hervorgerufenes Szenario verstanden, bei dem der Analysand in der Person des Psychoanalytikers einen Menschen sieht, mit dem er einen Konflikt der Vergangenheit im Heute zu lösen versucht. Der Analytiker nimmt in der Wahrnehmung des Analysanden zum Beispiel die Rolle des Vaters ein. Der Konflikt (mit dem Vater), den der Analysand bearbeitet, wird durch das quasi Vorhandensein des Vaters bewusst und kommunizierbar und über die Auseinandersetzung mit dem Therapeuten gelöst. Dabei werden frühere Gefühle und Wahrnehmungen auf den Analytiker projiziert (z. B. Ausgeliefertsein) und auf adäquate Weise im Heute damit umgegangen (z. B. Vorwurf des empfundenen Schmerzes, Wahrnehmung der eigenen Hilflosigkeit, Verstehen des Selbst, Verzeihen).
Man unterscheidet positive und negative Übertragung. Bei der positiven Übertragung werden positive Anteile früherer Beziehungen auf den Analytiker projiziert, bei der negativen Übertragung negative Anteile.
Eine Gefahr für erfolgreiche Therapie ist die Gegenübertragung.
