Ulama
Ulama (arab. علماء, Pl. von ālim, arab. عالم, "Wissender") heißen die Religionsgelehrten des Islam. Ihre Organisation und ihr Einfluss variieren in den unterschiedlichen islamischen Gemeinschaften. Am stärksten ist sie im schiitischen Islam, wo ihre Rolle institutionalisiert wurde. In den meisten Ländern bilden sie die lokalen Autoritäten, die über die korrekte Interpretation der islamischen Glaubenslehre entscheiden.
Die Rolle der Ulama in der Moderne
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist gekennzeichent durch einen signifikanten Verlust von Autorität und Einfluss der Ulama in den meisten islamischen Staaten, von Saudi-Arabien und Iran abgesehen. Viele säkulare arabische Regierungen versuchten, den Einfluss der Ulama nach ihrer Machterlangung zu beschneiden. Religiöse Institutionen wurden verstaatlicht und das Prinzip der waqf, der wohltätigen Stiftungen, das die klassische Einkommensquelle für die Ulama bildete, wurde abgeschafft. 1961 wurde die die Al-Azhar-Universität durch das ägyptische Nasser-Regime unter direkte staatliche Kontrolle gestellt. "Die Azharis werden sogar in Uniformen gesteckt und müssen unter dem Befehl von Armeeoffizieren paradieren" (G. Kepel, Dschihad). In der Türkei wurden in den 1950ern und 1960ern die traditionellen Derwischkonvente und Koranschulen aufgelöst und durch staatlich kontrollierte Predigerschulen ersetzt. Nach der Erringung der Unabhängigkeit Algeriens beraubte Präsident Ben Bella ebenfalls die algerischen Ulama ihrer Macht.
Islamwissenschaftler wie Kepel sprechen davon, dass der Niedergang des Einflusses der Ulama ein Vakuum übriggelassen hat, der durch das Aufkommen islamistischer Bewegungen in den 1970er Jahren aufgefüllt wurde.
Die afghanischen Taliban waren fast ausschließlich Dorf-Ulama, die in dem Chaos der postsowjetisch-afghanischen Kriegszeit an die Macht kamen. Der Bekannteste von ihnen war Mullah Omar, der direkt vom Herrscher eines Dorfes zum Diktator ganz Afghanistans aufstieg.
Literatur
- G. Jansen, "Militant Islam", 1979
