Urphänomen

Das Urphänomen (griech. phainomenon: das Erscheinende) bezeichnet

bei Goethe den Begriff von der Naturauffassung. Für ihn gilt der folgende Unterschied: "Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen wird Verstand, diesen zu erfassen Vernunft erfordern" (in: Maximen und Reflexionen).

Damit ist das Urphänomen das Resultat aller Erfahrungen, die über eine Folge von wahrnehmbaren Phänomenen, also durch eine Extrapolation gebildete ideale Norm gewisser realer Erscheinungen.

Goethe bestimmt weiter: "Urphänome: ideal, als das letzte Erkennbare, real, als erkannt, symbolisch, weil es alle Fälle begreift; identisch, mit allen Fällen" (ebenda).

Das Urphänomen einer Gattung war von Goethe zunächst ganz im Sinne des spontanen Materialismus gedacht worden, und zwar als die genetische Anfangsbedingung einer Folge von Organismengenerationen. Wie ein Entdeckungsreisender suchte er das Urtier und die Urpflanze.

In einem Brief an J.G. Herder schrieb er 1787 aus Italien, er sei "dem Geheimnis der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz nahe"; er glaubte, die Urpflanze gefunden zu haben. Friedrich Schiller überzeugte ihn später (1794), dass die Urpflanze eine Idee sei.

Goethes Begriff des Urphänomens ist vor allem unter dem Gesichtspunkt seiner Ablehnung der Teleologie als Erklärungsmittel für die biologischen Phänomene zu verstehen und positiv unter dem Gesichtspunkt seiner Bemühungen um den Aufbau einer biologischen Evolutionstheorie. Goethe versteht die lebenden Organismen als nach dem Urbild geformt, das durch Fortpflanzung aus- und umgebildet wird.

Hermann Siebeck erklärt, daß das Urphänomen nach Goethe "ein notwendiger Zusammenhang von Elementen der Wahrnehmungswelt, der für ein bestimmtes Gebiet der Wirklichkeit, für eine bestimmte Gattung der Dinge typisch ist und sich dann in der Form eines Gesetzes aussprechen läßt"(in: Goethe als Denker, 1902). Bei Karl Ludwig Michelet sind Urphänomene "die unmittelbar in der Erfahrung angeschauten Ideen"(in: Vorrede zu Hegels Naturphilosophie).

See also: Urphänomen, 1787, 1794, Evolutionstheorie, Extrapolation, Friedrich Schiller, Gattung (Literatur), Griechische Sprache, Johann Gottfried von Herder, Johann Wolfgang von Goethe