Vordenker des Nationalsozialismus
Als Vordenker des Nationalsozialismus bezeichnet man Personen oder Gruppen, die mit Ideen oder Werken den Nationalsozialismus entweder unmittelbar beeinflusst haben, oder mittelbar, indem sie etwa Begriffe prägten, die von Nationalsozialisten an wesentlicher Stelle aufgenommen wurden. „Vordenker“ im hier bezeichneten Sinne sind also nicht zwingend für die Verwendung ihrer Begriffe und Vorstellungen verantwortlich zu machen (insbesondere natürlich nicht, wenn sie Zeit des Nationalsozialismus selbst nicht erlebt haben).
Die grundlegenden Ideologeme des Nationalsozialismus sind Rassismus und Antisemitismus. In diesen beiden Themenbereichen ist somit die Mehrzahl der direkten und indirekten "Vordenker" angesiedelt. Weitere prägende Faktoren waren insbesondere Nationalismus und Militarismus, aber auch Elemente sozialistischer Staatswirtschaft, beschränkt auf nationaler Ebene.
Es lässt sich feststellen, dass Symbole und Begriffe des Nationalsozialismus überwiegend keine originäre Eigenleistung darstellen, sondern meist auf bereits existierenden Vorstellungen aufbauten, das gilt insbesondere auch für Hilters Programmschrift "Mein Kampf".
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Rassismus und Antisemitismus
vergleiche Hauptartikel: Rassismus und Antisemitismus
Die NSDAP trat ideologisch unter anderem die Nachkommenschaft der antisemitischen Parteien des Kaiserreichs an. Der Antisemitismus hatte in den 1880er Jahren durch Agitation diverser Vereine, später auch Parteien, in Deutschland erheblichen Einfluss gewonnen. Zu den wichtigsten Agitatoren zählten Wilhelm Marr, Theodor Fritsch und der Hofprediger Adolf Stoecker. Diese Parteien und Gruppen machten Juden oder jüdische Einflüsse für die meisten (vermeintlichen) Fehlentwicklungen verantwortlich. Berühmt wurde die Formulierung Heinrich von Treitschkes: „Die Juden sind unser Unglück“ (vergleiche: Berliner Antisemitismusstreit). Der Hass gegen Juden ging zumeist mit antimodernen Vorstellungen einher. Einige machten hinter der fortschreitenden Moderne eine jüdische Weltverschwörung aus (so die frei erfundenen Protokolle der Weisen von Zion).
Arthur Gobineau (1816-1882) formulierte in seiner Rassentheorie 1855 die Vorstellung der Höherwertigkeit einer arischen Rasse – eine Idee, die unter anderem von Richard Wagner positiv aufgenommen wurde. Der ursprünglich aus der Sprachwissenschaft stammende Begriff „Arier“ stieß vor allem in Deutschland auf Resonanz. Hier wendete man sich vielfach von den Amtskirchen ab und flüchtete in eine als Neu-Heidentum bezeichnete Ersatz-Religion. Diese Religionen waren aus verschiedenen rassistischen, antisemitischen und (vermeintlich) germanischen Versatzstücken zusammengesetzt, wie sich etwa bei dem von Alfred Rosenberg bewunderten Ludwig Klages (1872-1956) beobachten lässt. Ähnliche Verklärungen eines „deutschen“ Typus in Verbindung mit Antisemitismus und Anitmodernismus finden sich etwa auch bei Julius Langbehn (1851-1907).
In diesem esoterischen Umfeld gründete der germanengläubige Schriftsteller Guido von List (1848-1919) 1907 die Armanenschaft (siehe auch Ariosophie). Ihr Symbol war das urchristliche Swastika (Hakenkreuz). Dieses "Sonnenrad"-Motiv wurde später von Freikorps-Vereinigungen übernommen, ab 1920 tauchte es auch bei den Nationalsozialisten (Nazis) auf. Anhänger, die später zum Führungskader der Partei gehören sollten, schlossen sich der 1917 gegründeten Thule-Gesellschaft an und versuchten später vereinzelt auch, das Heidentum zur nationalsozialistischen Staatsreligion zu machen.
Die Vorstellung einer arischen Rasse wurde später, etwa von Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) oder dem Esoteriker Jörg Lanz von Liebenfels (1874 - 1954), mit dem Gedanken einer "zuchtmäßigen" Weiterentwicklung dieser Herrenrasse verknüpft, ein Ansatz der auch zu der Vorstellungswelt eines Alfred Ploetz passte, welcher 1895 seine Vorstellung von Rassismus, Sozialdarwinismus und Fortpflanzung auf den Begriff "Rassenhygiene" gebracht hatte. Diese "Rassenhygiene" schloss ausdrücklich eine staatliche Lenkung des Lebensrechtes ein.
Ein späterer Anlass für antisemitische Propaganda bot die Dolchstoßlegende, also die von der deutschen Heeresleitung nach dem 1. Weltkrieg vertretene Behauptung, der Krieg sei nur aufgrund der Novemberrevolution verloren gegangen. Militaristen und Nationalisten empfanden den Versailler Vertrag als „Schande“, die Weimarer Republik als ein fehlgeschlagenes System und die republikanischen Politiker als „Erfüllungspolitiker“ ausländischer Kräfte. Besonders die Nationalsozialisten machten jüdische Einflüsse für diese Schande verantwortlich. Man bezog sich auf eine angeblich 1916 angefertigte - aber nie veröffenlichte - Statistik, derzufolge es einen hohen Anteil jüdischer Soldaten an Fronteinsätzen gegeben habe. Diese Behauptung bot Anlass, jüdischen Drückebergern an der Front die Schuld für die militärische Niederlage anzulasten.
Ein eng damit verknüpfte Vorstellung ist die Euthanasie, also die sog. "Vernichtung lebensunwerten Lebens", die unter dem Einfluss von Karl Binding und Alfred Hoche ihren Höhepunkt erreichte. Deren Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" initiierte und bestimmte die Euthanasie-Debatte während der Weimarer Republik und bereitete spätere Verbrechen der NS-Diktatur entscheidend vor.
Nationalismus und Militarismus
Der deutsche Nationalismus des 19. Jahrhunderts lieferte dem Nationalsozialismus eine Reihe von Schlagworten, z.B. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ (Emanuel Geibel) oder „Blut-und-Boden“ (Joseph Victor von Scheffel). Die rechtliche Grundlage der "Blut-und-Boden-Mystik" wurzelte im ius sanguinis - der Regelung der Staatsbürgerschaft nach Herkunft. Das ius sanguinis wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen deutschen Kleinstaaten eingeführt und vom Deutschen Reich übernommen. Einen ähnlichen "Blut-und-Boden"-Ansatz vertrat der Alldeutsche Verband (gegründet 1891), der sich darüber hinaus für eine militante Kolonialpolitik einsetzte. Mit dem Glauben, einer überlegenen Rasse anzugehören, vertraten dessen Theoretiker den Anspruch auf Eroberung weiterer Territorien. Entsprechende Bücher sind z.B. "Der Lebensraum" (Friedrich Ratzel, 1901) und "Volk ohne Raum" (Hans Grimm, 1926). Beide Titel gingen als Schlagworte in die nationalsozialistische Propaganda ein.
In der Kolonialzeit entstand nicht nur die rassistische "Lebensraum"-Philosophie, sondern auch die Kultur der militärischen Unterdrückung, die bis zum Genozid reichen konnte. So waren angeblich deutsche Offiziere in den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 involviert.
Im Militarismus waren auch bereits Führerkult und Unterwerfungsgedanke angelegt, die der Nationalsozialismus bis in sein Extrem steigern sollte. Dabei hatten entsprechende Tendenzen in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine weite Verbreitung. Sie finden sich auch in ganz anderen Zusammenhängen, etwa der Jugendbewegung und der Reformpädagogik. Bei Gustav Wyneken (1875-1964) ersetzte der Führungsgedanke in der Erziehung das autoritäre Lehrer-Schüler-Verhältnis durch eine emotional aufgeladene Bindung. In der Massenpsychologie des Nationalsozialismus fand sich ein solches gefühlsgeladenes Verhältnis zum „Führer“ wieder. In der Machtübernahme der italienischen Faschisten 1922 und ihres Duce Benito Mussolini fanden die Nazis ein praktisches Vorbild für ihren Führerkult. An die antimodernen Ideologien des Kaiserreiches knüpften Vertreter der Konservativen Revolution wie Ernst von Salomon und Ernst Jünger an, die damit ihre Ablehnung der Demokratie der Weimarer Republik begründeten. Arthur Moeller van den Bruck prägte 1923 den Begriff des 3. Reiches, das dem nach dem 1. Weltkrieg zerschlagenen 2. Deutschen Reich folgen sollte. Dabei griff er neben der historischen Numerierung auf eine "Endzeittheologie" zurück, nach der das 3. Reich das Weltenende darstellen sollte. Zudem wurden organische Staatsvorstellungen an die Stelle eines rationalen Staatsaufbaus gesetzt. Hier sind z.B. Karl Larenz und Carl Schmitt zu nennen, letzterer jedoch erst nach 1933. Diesen Vorstellungen zufolge ist eine Einheit von Politik, Moral und Recht anzustreben. Den Individuen wird ihr Platz in der Gesellschaft durch ihre Herkunft vorbestimmt. Den vielfach postulierte Dritte Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus wurde in der Tradition des "Antimodernismus" mit einem doppelten Antisemitismus begründet, nämlich der jüdischen Weltverschwörung, die sowohl hinter dem Kapitalismus US-amerikanischer wie hinter dem Sozialismus sowjetischer Prägung stünde.
Philosophische Vorbilder
Theorien zu philosophischen Wegbereitern
Es gibt verschiedene, sich teilweise widersprechende Theorien über philosophische Vorbilder und Wegbereiter des Nationalsozialismus.
Karl Popper hielt die Staatsphilosophie Platons (in Politeia und Nomoi) einerseits und diejenige Hegels andererseits für Verklärungen des „totalitären“ Staates, der u.a. im Nationalsozialismus konsequent ausgeführt wurde. Ähnlich sieht es die Totalitarismustheorie. Diese betont auch die Verbindungen des Nationalsozialismus mit dem stalinistischen Sozialismus. Einige konservative und liberale Theoretiker sehen den Nationalsozialismus als eine Weiterentwicklung des Sozialismus auf nationalistischer Grundlage.
Die Kritische Theorie um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer interpretierte den Nationalsozialismus als notwendige Folge der bürgerlichen Herrschaft im Kapitalismus. Laut der Dialektik der Aufklärung bringe die Aufklärung ihre eigene Negation, die Barbarei und Herrschaft der Gewalt, selbst hervor.
Im Marxismus ist der Nationalsozialismus auch verkürzt als Reaktion kapitalistischer Kräfte auf die drohende sozialistische Revolution gedeutet worden. Als die bürgerliche Demokratie als deren Herrschaftsform umgestürzt zu werden drohte, hätten sie Hitler installiert, um die Revolution gewaltsam zu verhindern.
Georg Lukács sah in der „irrationalistischen“ bürgerlichen Philosophie Deutschlands, angefangen mit dem Deutschen Idealismus und fortgeführt u.a. von Nietzsche, die Grundlage für die Entwicklung des Nationalsozialismus.
Sonderfall Nietzsche
Ein wichtiges Vorbild der Nationalsozialisten war Friedrich Nietzsche, der hier beispielhaft erwähnt werden soll. Er wurde von den Nationalsozialisten selbst wiederholt als „Vordenker“ bezeichnet. Der Nietzsche-Kult bezog sich jedoch äußerst selektiv auf Bruchstücke und Schlagworte aus Nietzsches Werken. Zentral war das Buch „Der Wille zur Macht“, das nicht von Nietzsche selbst veröffentlicht wurde, sondern von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche als angeblich posthume Publikation. Das Buch sollte wegen seiner deutschnationalen und antisemitischen Stoßrichtung später eine gewichtige Rolle in der Propaganda des Nationalsozialismus spielen. Des weiteren interessierten sich die Nationalsozialisten für einige von Nietzsches mehrdeutig schillernden Begriffen wie „Übermensch“, „Wille zur Macht“, „Herrenmoral“ oder „blonde Bestie“. Diese Begriffe wurden isoliert betrachtet und als Anknüpfungspunkt für die eigene Ideologie verwendet. Die Nazis bezogen sich auf Nietzsches antidemokratische und antiegalitäre Einstellung, seine Verherrlichung von Krieg und Stärke und seine Verabscheuung von Schwäche, Mitleid und Milde. Zudem fanden sie in Nietzsches "Genealogie der Moral" Gedanken zum Judentum, die durchaus in Einklang mit ihren eigenen Vorstellungen zu bringen waren, wenngleich Nietzsches Angriffe auf das Judentum im Zusammenhang mit seiner radikalen Kritik des Christentums stehen und letzteres dabei schlechter wegkommt als ersteres. Auch dass Nietzsches Verherrlichungen von Stärke einen geistig-metaphorischen Zug haben, wurde ausgeblendet. Nietzsches scharfe Formulierungen gegen geistige Einheitlichkeit hätten wohl kaum Eingang in die Alltagspropaganda des dritten Reiches gefunden.
Konservative Revolution
In den 20er Jahren gewann unter dem (umstrittenen) Sammelbegriff Konservative Revolution eine literarisch-philosophische Strömung an Bedeutung, die dem aufkommenden Nationalsozialismus Sympathie entgegen brachte. Schon dem Namen nach war dies eine in sich widersprüchliche Bewegung. Neben einem starken Kulturpessimismus (etwa bei Oswald Spengler) verband sie der Hass auf die Moderne mit Ablehnung von Liberalismus, Sozialismus und Demokratie. Hinzu kam eine fatalistische, teilweise verherrlichende Einstellung zur Gewalt. Trotzdem waren ihre Positionen nicht grundsätzlich unmodern, sondern sie bezog selektiv moderne Elemente, etwa den Revolutionsgedanken, die Behandlung der sozialen Frage und die Auseinandersetzung mit der Technik in ihre Überlegungen ein. Gerade in diesem Zwiespalt übernahm der Nationalsozialismus die Haltung der Konservativen Revolution.
Nach der „Machtergreifung“ der nationalsozialistischen Bewegung schlossen sich ihr aus diesem Umfeld etwa der Philosoph Martin Heidegger und der Staatsphilosoph Carl Schmitt an. Auffällig ist, dass sich diese (wie auch Ernst Jünger) nach einiger Zeit entweder selbst zurückzogen oder aus ihren Ämtern gedrängt wurden. Grund hierfür könnte der Verlust des eigenen Einflusses als Avantgarde sein, aber auch Enttäuschung über die reale Politik Hitlers. In Opposition zum Nationalsozialismus gingen sie allerdings nicht.
Literatur
- Klemens von Klemperer: Konservative Bewegungen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München, 1962
Weblinks
- Übereinstimmungen Nietzsches "Wille zur Macht" und der KSA
- Die Vorgeschichte des arischen Ahnenpasses
- Emanuel Geibel: Deutschlands Beruf (1861)
Kategorie:Nationalsozialismus
Kategorie:Rassismus
