Nordamerikanischer Waschbär
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Der Nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor) ist eine Art der Gattung der Waschbären. Er ist der bekannteste Vertreter dieser Gattung, der auf Grund von mehreren bewussten Aussetzungen und zahlreichen Ausbrüchen aus Pelztierfarmen, Tiergärten und privaten Gehegehaltungen auch auf dem Europäischen Festland und in Japan sowie als Haustier weltweit vertreten ist. Der Waschbär zählt zu den intelligentesten Säugetieren unserer Fauna. Besonders ausgeprägt sind sein haptisches Lernvermögen und sein hervorragendes Gedächtnis.
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Aussehen
Der Nordamerikanische Waschbär ist ca. katzengroß und erreicht Köprerlängen zwischen 70 und 85 cm; der geringelte Schwanz macht dabei 20 bis 30 cm aus. Das Körpergewicht erwachsener Tiere liegt zwischen fünf und zehn Kilogramm. Rüden sind in der Regel etwas schwerer als Fähen. Durch ein ausgeprägtes Fettpolster können die Tiere im Winter bis zu 50% mehr wiegen als im Sommer (Extremwerte über 20 kg bekannt).
Charakteristisch für diese Tierart ist die markante Gesichtsmaske, die sich deutlich vom grauen bis schwärzlichen Fell abhebt. Die Ohren sind abgerundet und kurz.
Der Waschbär sitzt häufig auf seinen Hinterläufen und gebraucht seine Vordertatzen in einer Weise, die an die Rolle erinnert, die Hände für den Menschen haben, zumal er über den Fingern gegenüberstehende Daumen verfügt.
Lebensraum
Lebensraum im ursprünglichen Verbreitungsgebiet
Verbreitet ist der Nordamerikanische Waschbär vom Süden Kanadas über fast die gesamten USA und Mexiko bis nach Costa Rica. Er ist ein Waldbewohner, der offenes Gelände meidet. Besonders wird man ihn in der Nähe von Sümpfen und Teichen finden.
Verbreitung in Europa
In Europa vorkommende Tiere sind aus Zoos oder Pelztierfarmen entkommen oder ausgesetzt worden und breiten sich auch heute weiter aus. Das für die heutige Verbreitung des Waschbären in Europa wichtigste Ereignis war das Aussetzen von zwei Waschbärpärchen im Frühling 1934 mit Genehmigung von Hermann Görings Jagdbehörde am hessischen Edersee.
Obwohl es auch schon vorher Ansiedelungsversuche gegeben hatte, erwies sich keiner derart erfolgreich, wie jener am Edersee. Das Gebiet um den Edersee stellt in vieler Hinsicht einen fast optimalen Lebensraum für Waschbären dar. Die Verbreitung von diesem Zentrum aus erfolgte schnell und dauerhaft. 1956 wurde der Bestand auf 285 Tiere geschätzt, 1970 schon auf etwa 20.000 und im Jahre 2003 dürften fast alle Waschbären Deutschlands, deren Zahl auf mehrere Hunderttausend geschätzt wird, außer jenen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin auf die beiden Paare vom Edersee zurückgehen.
Genetische Untersuchungen zeigen, dass wohl fast alle im oben Genannten Gebiet vorkommenden Waschbären auf etwa vier Gründertiere zurückgehen. Obwohl durch diesen Gründereffekt ein genetischer Flaschenhals entstanden ist, scheinen sich die Waschbären problemlos weiter auszubreiten. Heute kann man diese Waschbären in fast ganz Deutschland, sowie in Teilen Österreichs, Dänemarks und der Schweiz finden. Ein Entweichen von etwa zwei Dutzend Waschbären nach einem Bombentreffer auf ein Waschbärgehege in Wolfshagen bei Strausberg in Brandenburg im Jahre 1945 führt zu einem weiteren Ausbreitungsherd. Die daraus entstande Population lässt sich bis heute genetisch und parasitologisch von der Edersee-Population unterscheiden, obwohl beide Populationen wohl gerade dabei sind, irgendwo im Nordosten Deutschlands zu verschmelzen.
Weitere erfolgreiche Ansiedelungen erfolgten 1966 in der Nähe des NATO-Stützpunktes Couvron in der Nähe von Laon in Nordfrankreich durch amerikanische Soldaten, die übereilt nach Vietnam verlegt wurden und ihre Waschbärmaskottchen in nahegelegenen Wäldern aussetzten. Darüberhinaus gibt es ein recht großes Vorkommen im Kaukasus, das auf Ansiedelungen im Jahre 1941 zurückgeht und ein Vorkommen im Süden Weißrusslands (Erstansiedelung 1954).
Lebensraum Stadt
Der Waschbär zählt zu den ausgesprochen urbanophilen Tierarten, d.h. ihm ist es in besonderer Weise gelungen urbane Gebiete, insbesondere waldnahe, altholzreiche Stadtrandbereiche mit einem hohen Grünflächenanteil, als Lebensraum zu nutzen. Die Gründe hierfür liegen in erster Linie in seiner ausgeprägten Anpassungsfähigkeit, in seinem enormen Klettervermögen und seinen taktilen Fähigkeiten (ausgeprägter Tastsinn). Die ersten Berichte über Waschbären im Siedlungsraum stammen aus den 1920er Jahren aus einer Vorstadtsiedlung von Cincinnati (Ohio, USA), doch wird ein verstärktes Auftreten erst seit ca. 50 Jahren in nordamerikanischen Metropolen wie Washington, Toronto, Chicago und New York beobachtet. In Europa war der seit nunmehr 70 Jahren erfolgreich angesiedelte Kleinbär lange Zeit ein völlig unbekannter Stadtbewohner. Die ersten vereinzelten Beobachtungen stammen aus den 1960er Jahren aus der mitteldeutschen Großstadt Kassel in Nordhessen. Heute existiert in keiner mitteleuropäischen Stadt ein vergleichbar hohes Waschbäraufkommen, was Kassel auch den Namen „Europas Waschbärmetropole“ einbrachte. Aber auch in zahlreichen anderen Städten und Ortschaften Nordhessens, Südniedersachsens und des Harzes dringen die Tiere immer häufiger in den Siedlungsraum vor. Jedoch beschränken sich ausgeprägte Stadtpopulationen in Europa aktuell noch auf diese Verbreitungsschwerpunkte.
Lebensweise
Waschbären sind Allesfresser, die Pflanzen, Wirbellose und kleine Wirbeltiere fressen. Dabei ist etwa die Hälfte der Nahrung pflanzlich, beispielsweise Beeren, Obst, Nüsse und Blätter.
In Gefangenschaft bringen sie ihre Nahrung oft ins Wasser. Dieses namensgebende Verhalten stellt man in der freien Wildbahn nicht fest und vermutet eine Verhaltensanpassung an die sonst vorkommende Nahrungssuche in Gewässern.
Waschbären sind geschickte Kletterer. Man findet sie häufig auf Bäumen, auf denen sie den Tag verschlafen, um dann in der Dämmerung aktiv zu werden. Sie lassen sich jedoch auch leicht durch ihre Neugier wieder herunterlocken.
In den nördlichen Bereichen seines Verbreitungsgebiets hält der Waschbär eine Winterruhe.
Im menschlichen Siedlungsraum weist der Waschbär erstaunliche Verhaltensanpassungen auf: So sind die Streifgebiete im Schnitt ca. zehnmal kleiner als in Waldhabitaten. Weiterhin erreichen Waschbären im Siedlungsraum häufig eine deutlich höhere Populationsdichte als in naturnahen Habitaten. So leben beispielsweise in Kassel ungefähr 100 Waschbären pro 100 Hektar, das sind ca. zehnmal soviel wie im Wald. Die Gründe für diese hohen Populationsdichten und die Nutzung wesentlich kleinerer Aktionsräume im Stadtgebiet sind in erster Linie in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft zu suchen: So steht dem Waschbär in Form von Komposthaufen, Biotonnen, Futterresten für Haustiere etc. ein fast unerschöfpliches Nahrungsangebot zur Verfügung. Hinzu kommt das riesige Angebot an Schlaf- und Wurfplätzen. Durch sein Klettervermögen ist es dem Waschbären möglich zahlreiche menschliche Strukturen dafür zu nutzen. An erster Stelle sind hier Gebäude wie Wohnhäuser, Lagerhallen, Garagen, Gartenhäuschen etc. zu nennen, aber auch solch ungewöhnliche Plätze wie die Kanalisation werden als Tagesverstecke genutzt. Erklettert werden die Gebäude in der Regel über das Fallrohr der Regenrinnen, rankende Pflanzen oder angrenzende Bäume. In Wohnhäusern nutzen die Tiere vor allem den Dachboden oder den Kaminschacht als Schlafplatz. Der menschliche Siedlungsraum stellt für den Waschbären also einen nahezu optimalen Lebensraum dar.
Konflikte im Siedlungsraum
Durch die in urbanen Habitaten zum Teil sehr hohen Waschbärdichten entsteht häufig ein unübersehbarer Konflikt mit der ansässigen Bevölkerung, die den Waschbären vielfach als Plage empfindet. Dabei ist das Konfliktpotential vielseitig: Abgeerntete Kirschbäume, aufgerissene Müllsäcke und verwüstete Gartenteiche stellen für die meisten Anwohner noch „Bagatelldelikte“ dar. Problematischer ist das Eindringen in Gebäude zu sehen, um Dachböden oder Kaminschächte als Ruhe- und Wurfplätze zu nutzen. Hierbei entstandene Schäden (vor allem bei Wurfplätzen) erreichen schnell den Wert eines neuen Kleinwagens. Durch die hohe Populationsdichte und den damit einhergehend verstärkten Kontakt zwischen Waschbär-Mensch und Waschbär-Haustier resultiert bei der Übertragung von Krankheiten und Parasiten ein ernstzunehmendes epidemiologisches Problem mit erhöhtem Infektionsrisiko für Mensch und Haustier. Im Gegensatz zu seiner amerikanischen Heimat weist der Waschbär in Mitteleuropa allerdings nur ein recht begrenztes Parasitenspektrum auf und spielt als Überträger von Seuchen (z.B. Tollwut) bislang keine Rolle. In Mitteldeutschland gilt zur Zeit nur ein einziger Parasit des Waschbären als für den Menschen potentiell gefährlicher Erreger: Es handelt sich hierbei um den Waschbärspulwurm (Baylisascaris procyonis) der im Dünndarm der Tiere lebt. Der Entwicklungszyklus läuft über einen Zwischenwirt (in der Regel über Nagetiere), aber in seltenen Fällen kann hierbei auch der Mensch als Fehlwirt fungieren. Die Infektion erfolgt dabei durch die perorale Aufnahme von infektiösen Spulwurmeiern (ca. 2-3 Wochen nach der Defäkation), die mit dem Waschbärkot in die Umwelt gelangen. Nach einer Infektion können die Wanderlarven des Waschbärspulwurms das Krankheitsbild einer sogenannten "Larva migrans interna" verursachen und somit Schädigungen von Leber, Lunge, ZNS und Auge hervorrufen. Parasitiologische Untersuchungen an Waschbären haben gezeigt, dass in der mitteldeutschen Population über 70 % der Tiere mit dem Spulwurm infiziert sind, wogegen in der ostdeutschen Population bisher kein einziger Waschbär als spulwurminfiziert diagnostiziert werden konnte. Interressant sind Ergebnisse aus dem Ostharz (Sachsen-Anhalt) - hier waren 39 % aller untersuchten Tiere spulwurminfiziert. Das Bundesland Sachsen-Anhalt scheint somit eine wichtige Funktion als Bindeglied zwischen den beiden großen Populationen zu spielen.
Trotz der vielschichtigen Problembereiche fallen die Meinungen über den neuen "Untermieter" sehr unterschiedlich aus: Die Positionen reichen dabei von überschwänglicher Zuneigung gegenüber den Tieren, verbunden mit intensivem Füttern, bis hin zu einer totalen Ablehnung. Forderungen, den Waschbären aus dem Siedlungsraum zu eliminieren und dauerhaft fernzuhalten, sind bei den günstigen Bedingungen, wie sie urbane Habitate bieten und der heutigen Gesetzgebung nicht durchführbar. Übergeordnetes Ziel muss es also sein, ein konfliktarmes Zusammenleben von Menschen und Waschbären zu ermöglichen. Als das grösste Problem wird das Eindringen von Waschbären in Wohnhäuser empfunden. Einzelne Tiere wegzufangen, um Schäden zu vermeiden, ist eine reine Symptombekämpfung und aufgrund der Tradierung von Schlafplätzen in der Regel sehr uneffektiv. Vorbeugende Massnahmen, die ein Gebäude "waschbärsicher" machen, d.h. den Einstieg in das Gebäude verhindern, sind dagegen eine relativ einfache und überaus wirkungsvolle Methode. Bei dem sensiblen Thema Krankheitsübertragung hat es sich gezeigt, dass durch eine transparente und sachliche Information über Gefahren und Risiken (speziell zum Waschbärspulwurm) die vorhandenen Probleme und Ängste effektiv beseitigt werden können. Durch Aufklärung und gezielte Massnahmen ist es also möglich, mit relativ geringem Aufwand das bestehende Konfliktpotential effektiv zu minimieren.
Das "Waschen"
Waschbären sind in ihrem ursprünglichen Lebensgebiet nächtlich aktive Tiere. Ihre Augen sind jedoch nicht besonders gut an diese nächtliche Lebensweise adaptiert, so dass sie ihre Vordertatzen als zentrales Sensorium dient. Die normalerweise an Flüssen, Sümpfen und Teichen lebenden Tiere tasten dabei ihre Nahrung zuerst sorgfältig von allen Seiten mit den Händen ab, um sich ein genaues Bild von dem gefundenen Gegenstand zu machen. Da dies häufig am oder im Wasser stattfindet, assoziieren Menschen dies häufig mit Waschen. Waschbären führen diese Bewegungen jedoch auch dann aus, wenn ihnen kein Wasser zur Verfügung steht.
Fortpflanzung
Waschbären sind nach neueren Untersuchungen aus Nordamerika und Deutschland keine Einzelgänger, die nur zur Paarungszeit als Paar zusammen bleiben, sondern eine Tierart mit einem sehr komplexen und variablen Sozialsystem. So können beispielsweise verwandte Fähen in lockeren Beziehungsgefügen zusammenleben, Rüden können Streifgebiete als so genannte Gruppenterritorien vollständig gemeinsam nutzen. Regelmäßig treffen sich Waschbären an bestimmten Schlafplätzen. Nach etwa 65 Tagen Tragzeit bringt das inzwischen wieder allein lebende Weibchen ein bis sieben Junge zur Welt (im Schnitt 3-5). Die Jungen sind bei der Geburt blind und mit einem gelblichem Flaum bedeckt. Sie verlassen im Alter von sechs bis acht Wochen erstmals die Wurfhöhle, mit ca. vier Monaten beginnt die Trennung vom Muttertier. In seinem zweiten Lebensjahr erreicht ein Waschbär die Geschlechtsreife.
Waschbären als Haustiere
Waschbären wirken auf den Menschen possierlich und anziehend. Als Haustier sind sie jedoch wenig geeignet. Sie lassen sich nur sehr ungern einsperren und sind in der Lage, mit ihren geschickten Vordertatzen Schlösser zielgerichtet zu öffnen. Sie sind ausgesprochen neugierig und in der Lage, sehr rasch sehr massive Verwüstungen anzurichten.
Das Raubtier Waschbär ist außerdem nicht als domestiziertes Tier zu betrachten. Selbst an Menschen gewohnte Tiere können gelegentlich unberechenbares Verhalten zeigen und unkontrolliert zubeißen oder kratzen.
Literatur
- Ulf Hohmann, Ingo Bartussek: Der Waschbär. Reutlingen: Verlagshaus Reutlingen, Oertel + Spörer, 2001. ISBN 3-88627-301-6
- Cord Riechelmann: Wilde Tiere in der Großstadt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin, 2004, ISBN 3-89479-133-0
- Frank-Uwe Michler: Waschbären im Stadtgebiet. - Wildbiologie 2/2004, Wildbiologie International 5/12, Infodienst Wildbiologie & Oekologie. - Zürich, Schweiz, 2004.
- Ingo Bartussek: Die Waschbären kommen. - Wissenswertes und praktische Tipps für den Umgang mit unseren neuen, wilden Nachbarn. Niedenstein: Cognitio-Verlag, 2004. ISBN 3-932583-10-8
Weblinks
- www.gwn.de Informationen zur Biologie und Verbreitung sowie zu Forschungsprojekten über Waschbären in Deutschland
