Robben

Robben
280px|thumb|none|Walross
Systematik
Überklasse: Kiefermäuler (Gnathostomata)
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
Überfamilie: Hundeartige (Canoidea)
Zwischentaxon: Robben
Wissenschaftlicher Name
Pinnipedia
Illiger 1811
Familien

Die Robben (Pinnipedia) sind eine Gruppe zum Wasserleben übergegangener Raubtiere. Man findet sie in der Fachliteratur auch unter den Namen Flossenfüßer oder Wasserraubtiere, am bekanntesten aber sind sie als Robben.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale

Körperbau

Robben sind mittelgroße bis große Säugetiere, die Längen zwischen 120 cm und 6 m erreichen können. Ihr Körper ist weitgehend dem Wasserleben angepasst. Hierzu hat er eine torpedoförmige Gestalt angenommen, die dem Wasser wenig Widerstand bietet. Die Hinterextremitäten sind ans äußerste Körperende verlagert. Alle vier Beine sind im Laufe der Evolution zu Flossen umgewandelt worden. Bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass jede der Flossen in fünf Zehen endet, die durch Schwimmhäute miteinander verschmolzen sind. Nicht mehr äußerlich sichtbar, weil ins Körperinnere verlagert, sind die Hoden der Männchen und die Zitzen der Weibchen. Da Jungtiere nicht mehr saugen können, spritzt das Muttertier aktiv die Milch ins Maul seines Jungen.

Äußere Ohren sind verkümmert oder nicht mehr existent. Alle sensiblen Körperöffnungen wie Ohren und Nase können beim Tauchen fest verschlossen werden. 280px|thumb|left|Seehund Zum Schutz vor Auskühlung hat die Haut der Robben eine dicke Fettschicht. Geboren werden Robben meistens mit einem dichten Fell, das beim Älterwerden verschwindet und durch ein kurzes Haarkleid ersetzt wird. Nur die Seebären behalten auch als Alttiere ein auffälliges Pelzkleid. Die Fettschicht schützt nicht die Flossen, die durch eine besonders große Zahl von Blutgefäßen gewärmt werden.

Fortbewegung im Wasser und an Land

Im Wasser spielen Robben die Vorteile ihres Körperbaus aus. Obwohl Robben natürlich zum Luftholen an die Oberfläche kommen müssen, können sie eine beträchtliche Zeit unter Wasser bleiben. Ihr Stoffwechsel verlangsamt sich beim Tauchen erheblich; so kann sich die Herzaktivität von normalen hundert Schlägen je Minute auf fünf Schläge verringern. Der Sauerstoffverbrauch des Blutes wird hierdurch verringert, und manche Robben können bis zu 73 Minuten am Stück unter Wasser bleiben, ohne auftauchen zu müssen. Dabei erreichen sie Rekordtiefen von bis zu 900 m.

An Land wirken Robben dagegen eher unbeholfen. Hier bestehen Unterschiede zwischen den Ohrenrobben und Hundsrobben. Während erstere kräftige Hinterextremitäten behalten haben, mit denen sie den Körper stützen und auch Aktivitäten wie Körperpflege durchführen können, sind die Hinterbeine der Hundsrobben an Land weitgehend nutzlos, so dass sie auf dem Bauch "robben" und sich vorwärts ziehen müssen.

Sinnesleistungen

Die Sinnesorgane der Robben sind folgendermaßen entwickelt: Der Gesichtssinn ist der schwächste der Sinne; die Augen funktionieren zwar sowohl unter Wasser wie auch an Land, ermöglichen aber allein keine Orientierung. Bei Seelöwen und Seebären, deren Männchen oft blutige Revierkämpfe durchführen, kommt es nicht selten zum Verlust des Augenlichts durch solche Kämpfe; die Tiere sind durch ihre Blindheit aber wenig eingeschränkt und kommen relativ problemlos zurecht. Der Geruchssinn ist wie bei den meisten Landraubtieren sehr gut entwickelt; da die Nasenöffnungen unter Wasser verschlossen werden, funktioniert er aber nur an Land. Für die Orientierung im Wasser sind zwei Sinne verantwortlich: der hoch entwickelte Tastsinn der Barthaare kann Druck- und Strömungsänderungen erspüren; so können Robben, die ihre Tasthaare verloren haben, selbständig keine Fische mehr fangen und verhungern. Daneben vermutet man ein Echo-Orientierungssystem, das dem der Wale ähnelt, da auch Robben hochfrequente Klicklaute von sich geben; diese Art der Kommunikation ist allerdings noch immer kaum erforscht.

Verbreitung und Lebensraum

thumb|right|280px|Die Hawaii-Mönchsrobbe gehört zu den wenigen tropischen Robben Nahezu alle Robben bewohnen das Meer. Da sie zu vielen Tätigkeiten immer wieder an Land kommen müssen, entfernen sie sich aber nicht allzu weit von der Küste und sind daher nicht auf hoher See anzutreffen. Eine kleine Zahl von Robben findet man auch am Süßwasser. Die Baikalrobbe ist dabei die einzige Robbenart, die ausschließlich im Süßwasser zu finden ist; der gemeine Seehund, für gewöhnlich ein Meerestier, lebt in Kanada an Seenufern, zwei Unterarten der Ringelrobbe findet man im russischen Ladogasee und im finnischen Saimaa-See.

Der Großteil der Robben lebt in polaren und subpolaren Breiten. Die Meere der Arktis und Antarktis haben einen bemerkenswerten Arten- und Formenreichtum. Hier bilden viele Robben große Kolonien an den Küsten unbewohnter Inseln. Hingegen nimmt die Artenzahl zu den gemäßigten Meeren hin schnell ab, und in den Tropen gibt es fast keine Robben. Auch hier gibt es allerdings Ausnahmen, zum Beispiel die Mönchsrobben und den Galápagos-Seebär. Großregionen, in denen es überhaupt keine Robben gibt, sind die Küsten des tropischen Afrikas und die asiatischen Küsten des Indischen Ozeans.

An den Küsten von Nord- und Ostsee gibt es nur drei Robbenarten: den Seehund, die Kegelrobbe und die Ringelrobbe. Der Seehund ist in der Nordsee allgegenwärtig, in der Ostsee aber eine extreme Rarität; Kegelrobben-Kolonien findet man auf deutschem Boden auf dem Jungnamensand westlich von Amrum sowie auf Helgoland, außerhalb der Jungenaufzucht an allen Nordseeküsten sowie selten an vorpommerschen Ostseeküsten; die Ringelrobbe lebt im Finnischen und Bottnischen Meerbusen der Ostsee und gelangt nicht an deutsche Küsten.

Lebensweise

Im Gegensatz zu Walen und Seekühen, die vollkommen zum Wasserleben übergegangen sind, führen Robben eine amphibische Lebensweise. Die Paarung und die Jungenaufzucht findet an Land statt. Obwohl Robben auch an der Wasseroberfläche schlafen können, kommen sie oft zum Ruhen an die Küste. thumb|left|280px|Der Seeleopard jagt in der Antarktis Pinguine und andere Robben Alle Robben sind Fleischfresser. Die überwältigende Mehrzahl der Arten ernährt sich dabei von Fischen. Einige haben aber besondere Lebensweisen entwickelt: So bildet Krill die Nahrungsgrundlage des Krabbenfressers, das Walross sucht den Meeresgrund nach Schnecken und Muscheln ab, und der Seeleopard macht Jagd auf Pinguine und kleinere Robben.

Die meisten Robben leben gesellig. Einzelgängerische Arten wie die Ross-Robbe sind die Ausnahme. Vor allem zur Jungenaufzucht finden sich Robben zu Kolonien zusammen, die in der Größe von einigen Individuen (Kegelrobbe) bis zu mehreren Millionen Tieren (Südliche Seebären) reichen können. Allerdings sind die sehr großen Kolonien infolge der massenhaften Abschlachtungen vorheriger Jahrhunderte selten geworden.

Alle Arten bringen in der Regel ein Junges zur Welt. Zwillingsgeburten kommen vor, sind aber sehr selten. Die Tragzeit beträgt je nach Art acht bis fünfzehn Monate. Neugeborene haben noch keine ausreichende Fettschicht, um Auftrieb und Wasserabweisung zu gewährleisten. Obwohl sie theoretisch von Anfang an schwimmen können, gehen sie daher erst im Alter von einigen Wochen erstmals ins Wasser. Da die Jungtiere am Anfang ihres Lebens weitgehend schutzlos sind, geht das Wachstum sehr schnell vonstatten. Oft werden die Jungen nur einige Wochen gesäugt und sinn dann bereits selbständig.

Zu den Feinden der Robben gehören vor allem Haie und Schwertwale. Letztere haben sich in Patagonien so auf die Robbenjagd spezialisiert, dass sie sich sogar auf den Strand werfen, um die fliehenden Robben zu erbeuten. In der Arktis tritt der Eisbär als wichtiger Feind der Robben in Erscheinung, in der Antarktis der Seeleopard, der selbst eine Robbe ist, die sich auf die Jagd nach ihren Verwandten spezialisiert hat.

Systematik

Externe Systematik

Traditionell wurden Robben entweder als eine eigenständige Ordnung angesehen, oder sie wurden als Unterordnung der Wasserraubtiere den Landraubtieren gegenübergestellt. Zumindest letztere Variante ist heute unüblich. Die Robben haben sich aus Landraubtieren entwickelt, genauer gesagt aus Hundeartigen Raubtieren; sie sind daher innerhalb der Hundeartigen anzusiedeln.

Aufgrund morphologischer Untersuchungen gingen manche Zoologen noch in den 1990ern davon aus, dass Robben keinen gemeinsamen Vorfahren haben. Vielmehr meinte man, dass die Ohrenrobben von bärenähnlichen Ahnen und die Hundsrobben von otterartigen Vorfahren abstammten. Demnach hätten sich Robben zweimal unabhängig voneinander entwickelt. Dieser Hypothese folgend wären Robben polyphyletisch, also ein reines Formtaxon, das keine Berechtigung als systematische Gruppe der Säugetiere hätte. 280px|right|thumb|Neuseeländische Seebären In molekulargenetischen Analysen wurde allerdings seit den 1990ern diese Hypothese zurückgedrängt. Bininda-Emonds und Russell führten 1996 starke Belege für eine Monophylie der Robben an, und spätere Studien haben ihre Ergebnisse bestätigt.

Seit dem 19. Jahrhundert wird eine Verwandtschaft der Robben mit den Bären und ihren Verwandten für wahrscheinlich gehalten. Allerdings ist die genaue Position der Robben im zoologischen System noch unklar, so dass auch die Schwestergruppe der Robben noch nicht zweifelsfrei bekannt ist.

Bei McKenna & Bell tauchen die Robben als Schwestergruppe der Bären auf, und dies innerhalb eines übergeordneten Taxons Ursida:

Ursida
  |-- Amphicyonidae
  `-- N.N.
       |-- Ursoidea
       `-- Phocoidea
 

Die Amphicyonidae sind eine ausgestorbene Gruppe, die vom Eozän bis zum Miozän lebte; die Ursoidea umfassen die Bären und die ebenfalls ausgestorbenen Hemicyonidae (Eozän bis Pliozän); und Phocoidea ist der von McKenna & Bell synonym für Pinnipedia verwendete Begriff. Die hier gezeigte Hypothese ist am weitesten verbreitet, doch gibt es auch widersprechende Ansichten, in denen beispielsweise die Marder oder der Kleine Panda als Schwestergruppen der Robben angesehen werden.

Interne Systematik

Die heute lebenden Robben werden traditionell in drei Familien (Hundsrobben, Ohrenrobben, Walrosse) eingeteilt. Die Ohrenrobben werden wegen ihrer sichtbaren äußeren Ohren gelegentlich als die "primitivere" Gruppe angesehen, doch ihre fossilen Belege sind ebenso alt wie die der Hundsrobben.

Ohrenrobben und Walrosse werden meistens als eng verwandte Kladen angesehen, obwohl die Walrosse in zahlreichen Merkmalen zwischen beiden Gruppen vermitteln. McKenna & Bell haben in Widerspruch zu dieser weit verbreiteten Ansicht die Walrosse als Unterfamilie der Hundsrobben eingestuft. Dies ist jedoch eine Minderheitensicht, denn die meisten Zoologen sehen starke Belege für ein gemeinsames Taxon von Ohrenrobben und Walrossen, manchmal Otarioidea genannt.

Evolution

Mutmaßlich stammen die Robben von den so genannten "Bärhunden" (Amphicyonidae) oder einem ähnlichen Taxon ab. Im späten Oligozän ist die Familie der Enaliarctidae entstanden. Diese lange Zeit rätselhafte Gruppe wurde in jüngerer Zeit durch Funde vollständiger Skelette besser bekannt. Die Tiere der Gattungen Enaliarctos und Pteronarctos waren bereits robbenähnlich, hatten aber noch zum Laufen an Land geeignete Vorder- und Hinterbeine (Rekonstruktion eines Enaliarctos). Ob die Enaliarctidae bereits echte Robben waren, ist eine Frage der Definition. Berta und Wyss verneinten dies 1994 und fassten Robben und Enaliarctidae zu einem höheren Taxon Pinnipedimorpha zusammen.

Ohren- wie Hundsrobben tauchten im Miozän auf. Sie waren bis ins späte Pliozän nur im Atlantik verbreitet und erreichten erst im Pleistozän die anderen Ozeane.

Menschen und Robben

Die Beziehung zwischen Menschen und Robben ist stark von der Region abhängig, in der sich eine menschliche Kultur befand. So sind aus dem Leben der Inuit Robben kaum wegzudenken gewesen, bildeten sie doch nicht nur eine bedeutende Nahrungsquelle, sondern lieferten auch Haut für Leder, Fell für Pelze, Knochen zur Werkzeugherstellung und Sehnen für Bogen. Dagegen hatten die antiken Reiche des Mittelmeerraums wenig Berührung mit Robben, da es hier nur eine Art, die Mittelmeer-Mönchsrobbe, beheimatet ist, die wahrscheinlich schon im Altertum eine Seltenheit war. Aristoteles lieferte eine Beschreibung dieser Robbe, die somit der früheste in schriftlicher Überlieferung erhaltene Vertreter der Tiergruppe überhaupt ist. Dass an Küsten liegende Mönchsrobben die Vorlage für die Sirenen der griechischen Mythologie waren, ist denkbar, bewegt sich aber im Bereich der Spekulation. 280px|thumb|left|Große Robbenkolonien - hier Stellersche Seelöwen - fielen im 19. Jahrhundert oft den Robbenjägern zum Opfer Die große Zeit der Robbenjäger begann im späten 18. Jahrhundert, obwohl schon seit dem 16. Jahrhundert Schiffe einzig zum Zweck des Schlachtens von Robben ausgesandt wurden. Im gesamten 19. Jahrhundert waren im Nord- und Südpolarmeer Schiffe unterwegs, die an Inseln anlegten, um die dort in Kolonien lebenden Großrobben zu erschlagen. Besonders betroffen waren dabei die Seebären, deren Fell man als besonders wertvoll erachtete. Die Robbenjagden erreichten ein Ausmaß, das unter den Ausrottungen im Tierreich seinesgleichen sucht. So lagerten an den Juan-Fernandez-Inseln in jedem Sommer etwa fünfzehn Schiffe gleichzeitig, deren Besatzungen jährlich 250.000 an den Küsten lagernde Seebären erschlugen und somit eine der größten Tierkolonien der Welt binnen fünfzehn Jahren restlos vernichteten. Der Antarktische Seebär, der zu etlichen Millionen Tieren an den Küsten subantarktischer Inseln beheimatet war, wurde von kreuz und quer durch das Südpolarmeer fahrenden Robbenjägern zwischen 1800 und 1830 beinahe ausgerottet. Die Südshetlandinseln wurden beispielsweise erst 1819 entdeckt, doch schon zwei Jahre später waren die halbe Million hier lebenden Seebären bis auf das letzte Exemplar getötet. Dass bei diesen Ausrottungsexzessen nur eine Art ausgestorben ist (die Karibische Mönchsrobbe), ist eine erstaunliche Tatsache. Allerdings sind fast alle Robben in ihrem Bestand stark zurückgegangen, und manche Arten, die früher gewaltige Kolonien bildeten, leben heute nur noch in winzigen Grüppchen an den Küsten.

Heute werden meistens andere Robbenarten getötet, denn die letzten verbliebenen Seebären stehen meistens unter Schutz. Es ist vor allem die Sattelrobbe, deren Jungtiere zur Gewinnung des Fells getötet werden. Die Tötungen werden alljährlich von Protesten von Tierschützern begleitet, die öffentlichkeitswirksam mit den Gesichtern von Robbenbabys werben. Die Befürworter rechtfertigen die Notwendigkeit zur Dezimierung der Robben unter anderem mit dem Argument, dass eine nicht kontrollierte Robbenpopulation die Fischbestände plündere; allerdings dürften es eher die Hochseeflotten der Industriestaaten als die wenigen verbliebenen Robben sein, denen der Rückgang der Fischschwärme geschuldet ist.

Literatur

History 1994, Bd. 29, S. 33–56

Weblinks

Siehe auch: Robbenjagd



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See also: Robben, Amrum