Wesen (Philosophie)


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Kategorie:Philosophieartikel

Das Wesen bezeichnet die Gesamtheit der allgemeinen, notwendigen, relativ beständigen Eigenschaften und Beziehungen eines Objekts, die seine innere Bestimmtheit, die Einheit des Allgemeinen und Notwendigen, seinen bleibenden Kern bilden - im Gegensatz zur Erscheinung, die neben bestimmten wesentlichen auch unwesentliche, d.h. einzelne, zufällige, veränderliche, bloß äußerliche Züge enthält. Das Wesen bildet mit der Erscheinung der Dinge, Prozesse u.a. eine gegensätzliche Einheit und ist im Gegensatz zur Erscheinung der Sinneserkenntnis nicht unmittelbar zugänglich.

Inhaltsverzeichnis

Zur Frage nach dem Wesen in der antiken Naturphilosphie

Die Frage nach dem Wesen der Dinge, dem Verhältnis von Wesen und Erscheinung und der Erkenntnis des Wesens bildet von jeher einen der Kernpunkte der Auseinandersetzung zwischen den materialistischen und idealistischen Linien der philosophischen Diskussion. Die frühe [[Naturphilosophie | griechische Naturphilosophie (bei Thales, Anaximander, Anaximenes) sah das einheitliche Wesen aller Erscheinungen in einem materiellen Urstoff (Wasser, Apeiron, Luft), der der unendlichen Vielfalt den Menschen umgebenden Erscheinungen zugrunde liegen sollte.

Zum Wesen des Urstoffs bei Heraklit, den Pythagoreern und Eleaten

Auch Heraklit nimmt einen solchen Urstoff - das Feuer - an, betont aber gleichzeitig, dass zum Wesen der Dinge der Kampf der ihnen eigenen inneren Gegensätze gehört, der das Wesen nicht zu etwas Starrem, Unveränderlichen, sondern zu etwas Werdendem, sich selbst Entwickelndem werden läßt. Die Pythagoreer betrachten die ganzen (positiven) Zahlen als das Wesen aller Dinge. Für sie ist das Wesen nicht mehr unmittelbar sinnlich wahrnehmbare Gegebenheit, sondern eine, wenn auch noch so sehr beschränkte und einseitige Gedankenbestimmung. Hatte Heraklit das Wesen als Prozess, als in Bewegung befindlich aufgefaßt, so betonten ihm gegenüber die Eleaten ebenso wie die Pythagoreer, dass das Wesen aller Dinge unveränderlich und starr sei.

Zur Wesenslehre bei Platon: das Wesen aller Dinge liegt in den Ideen

Im Gegensatz dazu entwickelt Platon seine Lehre, dass das Wesen aller Dinge rein gedanklicher Natur sei und in den "Ideen" liege, die jenseits der materiellen Dinge ihr Dasein haben; die sinnlich wahrnhembaren Dinge seien nur unvollkommene Nachbildungen dieser "Ideen". Die Erkenntnis des Wesens soll in der Erinnerung der Seele an von der Geburt geschaute Ideen bestehen (siehe Anamnese). Aristoteles verwirft Platons Trennung des Wesens von der Erscheinung: das Wesen kann nicht losgelöst von der Erscheinung existieren, denn es ist unmöglich, "dass das Wesen von dem gesondert existiere, dessen Wesen es ist. Wie könnten also Ideen, wenn sie die Wesen der Dinge sind, von ihnen gesondert existieren?"(Aristoteles, Methapysik A 9.991b).

Zur Auseinandersetzung der Wesensfrage im Mittelalter: der Universalienstreit

In der mittelalterlichen Philosophie erfolgt die Auseinandersetzung um das Verhänltnis von Wesen und Erscheinung im Rahmen des Universalienstreits. Die sich hier gegenüberstehenden Richtungen des Realismus und des Nominalismus versuchen, das Problem in jeweils einseitiger Weise zu lösen. Während im Realismus das Wesen der Dinge in ihrem ideell Allgemeinen, in den Allgemeinbegriffen sieht, die vor den Einzeldingen existieren sollen, hat im Nominalismus das Wesen nur rein spekulativen Charakter, dem nichts in der objektiven Realität entspricht. Die mit der Entwicklung und Entstehung neuer Produktionsverhältnissen aufblühenden Naturwissenschaften verlieh der Frage, welcher Methoden man sich bedienen müsse, um das Wesen, die Gesetzmäßigkeiten der Naturerscheinungen zu erkennen, besondere Aktualität.

Zur Klärung der Frage des Wesens bei Francis Bacon: der Weg der Analyse

Francis Bacon, der den Methoden der wissenschaftlichen Forschung besondere Aufmerksamkeit widmete, verstand unter dem Wesen, das er auch "Form" nennt, das innere Gesetz der Erscheinungen. Das Wesen ist für ihn erkennbar und erschließt sich dem Menschen auf dem Wege der Analyse jener äußerer Eigenschaften der Erscheinung, die den Sinnen unmittelbar zugänglich sind. Die Auffassung Bacons war Ausdruck der erkenntnistheoretischen Bedürfnisse der sich entwickelnden empirischen Naturwissenschaft. Dagegen führten die Erfolge besonders jener Wissenschaften, die sich mathematischer Methoden bedienten, zur Verstärkug rationalistsicher Tendenzen in der Philosophie. Hatte Bacon als die Hauptmethode der wissenschaftlichen Forschung die Induktion angesehen, so sieht sie Rene Descartes in der Deduktion.

Zur Bestimmung des Wesens bei Descartes: die deduktive Methode

Das Allgemeine in den Erscheinungen macht nach Descartes ihr wahres Wesen aus. Als allgemeine Eigenschaft aller materiellen Objekte nennt er die Ausdehnung, als allgemeine der geistigen Eigenschaften das Denken. Die das Wesen der Dinge widerspiegelnden allgemeinen Begriffe, aus denen deduktiv alle Kenntnisse über die konkreten Erscheinungen abzuleiten sind, stellen sich ihm als sogenannte eingeborene Ideen dar, die vor aller Erfahrung im erkennenden Subjekt existieren und nur durch Intuition zu erfassen sind.

Zur Bestimmung des Wesens durch Locke: der Weg über die Empfindung

Zum Unterschied im Rationalismus (bei Descartes, Spinoza, Leibniz u.a.) sieht John Locke, an Bacon anknüpfend, die einzige Quelle der Erkenntnis in den Empfindungen, den äußeren und inneren Erfahrungen des Subjekts. Das reale Wesen der Dinge bestehe in der Struktur ihrer einzelnen Teilchen, die der äußeren Erfahrung selbst nicht zugänglich ist, aber die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des Dinges bestimmt. Über letztere kommt der Mensch zu einfachen Ideen, die von der Seele zu einer komplexen Idee zusammengefügt werden. Diese wird mit einem Namen bezeichnet und stellt das nominelle Wesen der Dinge dar. Locke schwankt in der Auffassung des Wesens zwischen materialistischen und idealistischen Urteilen und neigt in der Frage nach der Erkennbarkeit des realen Wesens der Dinge zum Agnostizismus.

Zur Bestimmung des Wesens bei Berkeley und Kant: nur Empfindungen und Erscheingungen sind zugänglich

George Berkeley verkehrt den materialistischen Sensualismus in subjektiv- idealistischer Weise, wenn er die objektiv existierenden Dinge als Empfingunsgkomplexe bezeichnet und außer den Empfindungen, die uns die äußere Erscheinung der Dinge und nur diese vermitteln, kein hinter den Erscheinungen stehendes Wesen anerkennt. Auch Immanuel Kant trennt auf der Grundlage des subjektiven Idealismus Erscheinung und Wesen voneinander. Für ihn ist die Erscheinung der Dinge das, was dem Subjekt in den Empfindungen gegeben ist. "Von dem, was sie [die Dinge] an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d.i. die Vorstellungen, die sie in uns bewirken, indem sie unsere Sinne affizieren." (in: Kant, Prolegomena zu einer jeden zukünftigen Metaphysik, § 13, Anmerkung II). Die Erscheinung existiert nur in bezug auf das erkennende Subjekt, das sie mit Hilfe der ihm a priori gegebenen reinen Formen der Anschauung (d.h. von Raum und Zeit) und der reinen Formen des Denkens bzw. des Verstandes (d.h. der Kategorien) erfasst. Das Wesen hingegen liege jenseits der Erscheinung und stelle ein unerkennbares Ding an sich dar.

Zur Bestimmung des Wesens bei Hegel: dialektische Einheit von Wesen und Erscheinung

Hegel löst die Kantsche prinzipielle Trennung zwischen Wesen und Erscheinung dialektisch auf: "Die Erscheinung zeigt nichts, was nicht im Wesen ist und im Wesen ist nichts, was nicht manifestiert ist"(in: Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften § 139). Hegel wendet sich entschieden gegen die Auftrennung als metaphysiche Gegenüberstellung von Erscheinung und Wesen und hob den Zusammenhang, den Übergang zwischen diesen hervor: " Das Wesen muß erscheinen ", und "die Erscheinung ist....das Wesen in seiner Existenz" (in: Hegel, Wissenschaft der Logik). Durch die Erkenntnis der Erscheinung dringt der Mensch zur Erkenntnis des Wesens vor. Das Wesen selbst hat, da es den Widerspruch von Identität und Unterschied in sich birgt, nicht nur Beziehung zum Sein, sondern vor allem zum Werden, in dem es dank seiner Widersprüchlichkeit den Reichtum seiner Erscheinungen aus sich selbst erzeugt.

Zur Bedingung der Auffassung des Wesens bei Hegel: die Bestimmung der "absoluten Idee"

Bereits hier zeigt sich jedoch, wie der rationelle dialektische Kern in der Hegelschen Auffassung des Verhältnisses von Wesen und Erscheinung von den immanenten Bedingungen seines objektiv-idealistischen Systems beeinflußt wird. Wesen und Erscheinung sind ihm nur Bestimmungen der " absoluten Idee", die in ihrer Entwicklung die einzelnen Schritte des Wesens, der Erscheinung und schließlich der Wirklichkeit als der Einheit von Wesen und Erscheinung durchschreitet. In der gegenwärtigen Philosophie überwiegen subjektiv-idealistische Auffassungen vom Verhältnis zwischen Wesen und Erscheinung. Das gilt besonders für die Phänomenologie.

Zur Bestimmung der Prozesse in der Erkenntnis von Erscheinung und Wesen in der materialistischen Dialektik

In der materialistischen Dialektik wird das Wesen der Dinge als objektiv, d.h. außerhalb und unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existierend betrachtet. Es ist das Allgemeine und Notwendige im Wechsel der Erscheinungen, das Invariante gegenüber dem Wechsel der Bezugssysteme. Wie jede Invariante nicht unabhängig von der zugehörigen Gruppe von Transformationen ist, für die sie invariant ist, existiert auch das Wesen nicht als absolut selbständige metaphysische Wesenheit im Sinne des objektiven Idealismus (bei Platon, im Realismus, bei Hegel u.a.), sondern nur in den materiellen Dingen, Prozessen u.a. und in untrennbarer Einheit mit deren konkreten Erscheinungen. Das Wesen tritt in der Erscheinung auf, und jede Erscheinung ist letztlich auch dadurch, und nur dadurch, wesentlich - ist eine "Manifestation der Erscheinung".

Zur Gegensätzlichkeit von Erscheinung und Wesen

Innerhalb der dialektischen Einheit bilden Wesen und Erscheinung Gegensätze. Das Wesen ist relativ stabil, beständig, hat den Charakter des Allgemeinen, des Notwendigen. Die Erscheinung dagegen ist instabil, beweglich, hat den Charakter des Einzelnen, Zufälligen. Das Wesen wird dem Menschen nur vermittels der Erscheinung zugänglich, ist also stets nur mittelbar zu erfassen. Die Erscheinung hingegen ist dem Menschen unmittelbar gegeben. Das Wesen der Dinge, Prozesse u.a. steht jedoch nicht nur im Gegensatz zur Erscheinung, sondern, sofern es das So-sein der Dinge, Prozesse u.a. ausdrückt, auch im Gegensatz zum Da-sein derselben. In dieser Sicht ist die Frage nach dem Wesen der Dinge, Prozesse u.a. eine Frage nach der Art und Weise ihrer Existenz, während Dasein nur die Frage impliziert, ob etwas existiert oder nicht.

Zu den Eigenschaften der Gestalt des Wesens in seinen Darbietungen

Das Wesen der materiellen Dinge und Prozesse ist widersprüchlich. Infolge seiner Widersprüchlichkeit ist das Wesen auch nichts absolut Starres, Unveränderliches, sondern selbst der Entwicklung unterworfen. Es hat so nicht nur Beziehung zum Sein der Dinge, der Prozesse u.a., sondern auch zu ihrem Werden. Das Wesen eines Dinges, Prozesses u.a. durchdringt und bestimmt alle seine Eigenschaften, Merkmale u.a. Es erscheint jedoch nie in reiner Form, sondern stets in spezifischer und modifizerter Gestalt, gewissermaßen als Projektion des Wesens auf die Ebene der Erscheinung. Die konkreten Erscheinungsformen dieses Wesens äußern sich in vielgestaltiger Weise.

Zur Einheit von Wesen und Erscheinung und ihren Merkmalen

Wesen und Erscheinung bilden eine untrennbare Einheit. Die Erscheinung ist aber reicher als das Wesen, denn sie enthält außer dem Allgemeinen, Notwendigen, Invarianten noch den Reichtum des Individuellen, Zufälligen, Variablen. Sie ist die Enheit des Wesentlichen und Unwesentlichen. Während das Wesen das Allgemeine und Notwendige, das relativ Stabile ist, wechselt das Einzelne und Zufällige als das Unwesentliche öfter, "d.h. das Unwesentliche, Scheinbare, an der Oberfläche befindliche verschwindet öfter, hält nicht so 'dicht', 'sitzt' nicht so 'fest' wie das 'Wesen' ". Doch auch das Unwesentliche, die "Oberfläche", der "Schein" ist Ausdruck des Wesens. Das Wesen offenbart sich im Unwesentlichen ähnlich, wie sich im Zufall die Notwendigkeit durchsetzt.

Zu den Bedingungen der Erkennbarkeit des Wesens

Das Wesen der Dinge, Prozesse u.a. ist erkennbar. Die Erkenntnis des Wesens erfolgt über die Analyse der Erscheinung. Die Erscheinung ist der Ausgangspunkt zur Ergründung des Wesens. Der Prozess der Erkenntnis stellt sich dar als unendlicher Prozess der Vertiefung der Erkenntnis des Dinges, der Erscheinungen, Prozesse u.a. durch den Menschen, von den Erscheinungen zum Wesen und von geringerer zur tieferer Erkenntnis vom Wesen.

Die Begriffe der Dinge, Prozesse u.a. müssen, wenn sie wissenschaftlich adäquat sein wollen, das Wesen der Dinge, Prozesse u.a. erfassen. Der Begriff als Wesensbegriff muß allerdiungs unterschieden werden vom Allgemeinbegriff. Ein Begriff, der nur ein vielen Erscheinungen Gemeinsames erfasst, hat nur den Charakter der empirischen Allgemeinheit. Diese empirische Allgemeinheit ist nur dann ein Wesensbegriff, wenn er nicht nur den Charakter der Allgemeinheit hat, sondern das Wesen der Dinge tatsächlich widerspiegelt.

Das Wesen der Dinge erschließt sich nicht der sinnlichen Wahrnehmung, sondern nur dem theoretischen Denken. Ob dieses Denken im Prozess der Analyse, der Bildung von Hypothesen u.a. das Wesen der Dinge, Prozesse u.a. getroffen hat oder nicht, ist letztlich nur durch die in der konkreten Tätigkeit erfolgende Konfrontierung der gewonnenen Begriffe über das Wesen mit der Realität zu ermitteln.

See also: Wesen (Philosophie), A priori, Absolute Idee, Adäquat, Agnostizismus (Philosophie), Anamnese, Anaximander, Anaximenes, Apeiron