Wille (Psychologie)

Wille, auch Volition (zu lat.: volere "wollen") bezeichnet die bewusste und selbstbestimmte Einflussnahme des Menschen auf sein eigenes Handeln.

Inhaltsverzeichnis

Frühe Willenspsychologie

In der Willenspsychologie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet der Wille einen als Aspekt oder Bestandteil von Entscheidungsprozessen und von Vornahmehandlungen angenommenen Zustand, der sich in Willensmomenten äußert.

In der älteren Psychologie wurde der Wille als eine Klasse völlig selbständiger Phänomene behandelt. In bedeutsamen Entscheidungssituationen, die außerdem einen hohen Unsicherheitsgrad aufweisen, z.B. bei der Wahl eines Ehepartners, tritt das Willensmoment in folgender Weise in Erscheinung:

Wenn die innere Entscheidung für eine Alternative die Gestalt einer Vornahme oder eines Vorsatzes annimmt, die sich auf komplexe zukünftige Handlungen beziehen, wenn z.B. der Dezident sich vornimmt, bei der Berufswahl in den Ausbildungsprozess einzutreten oder hohe Leistungen bei einer Qualifikation zu erreichen, dann liegt eine Vornahmehandlung vor, die den Juristen als "vorsätzliche Handlung" interessiert.

Wie Kurt Lewin herausgearbeitet hat, tritt hier der oben akzentuierte Bedürfnischarakter des Willensphänomens wiederum deutlich hervor. Die Vornahme ist ihrem Wesen nach eine aktuelles, situationsgebundenes Bedürfnis (Lewin nennt es "Quasibedürfnis"), das einen Druck, eine Spannung in Richtung des Handlungsziels erzeugt, die sich erst mit dem Erreichen des Ziels löst und dann Befriedigung erzeugt.

Auch die Eigenschaften Beherrschbarkeit, Belastbarkeit und Durchhaltebereitschaft, die man häufig dem Begriff der Willensfähigkeit unterordnet, gehören in den erörterten Zusammenhang und sollten darum besser als Entscheidungsfähigkeiten klassifiziert werden. Es handelt sich stets um die Auswahl einer Verhaltensalternative, die sich gegen andere bequemere, angenehmere, energieschonendere durchsetzt, weil ihr in der gegebenen Situation der höhere Nutzen in Sinne der Entscheidungstheorie zukommt. Wer z.B. in einer sozialen Konfliktsituation eine mögliche Affektreaktion unterdrückt, beweist seine Fähigkeit, eine Entscheidungsproblem zugunsten der optimalen rationalen, sozial angepaßten Alternative lösen zu können.

Ähnliches gilt für die Durchhaltebereitschaft: übergreifende Zielsetzungen, etwa der Bestätigung oder Festigung des sozialen Prestiges, verleihen einer belastenden Alternative einen höheren Nutzen als anderen, die zwar bequemer sind, aber negative soziale Folgen haben können.

Kognitive Motivationspsychologie

Heinz Heckhausen betrachtet in seinem Rubikonmodell der Handlungsphasen diejenigen Prozesse als volitional, also als Willensprozesse, die im Dienste einer erfolgreichen Umsetzung vorhandener Intentionen in Handeln stehen. Die Handlungsphasen des "Planens" und "Handelns" seien volitionaler, die Phasen des "Abwägens" und "Bewertens" motivationaler Natur. Motivation betrifft hier das Abwägen von Erwartungen und Bewertungen von Handlungsfolgen bei der Wahl von Zielen. Im Gegensatz dazu betrifft Volition die Realisierung gewählter Ziele. Als volitional gesteuert werden neben dem Planen unter anderem die Handlungsinitiierung und die Erhöhung der Anstrengung bei auftretenden Schwierigkeiten betrachtet.

Die PSI-Theorie von Julius Kuhl ist eine Theorie der willentlichen Handlungssteuerung, welche sich, ähnlich wie Heckhausen, mit Prozessen zwischen Intentionsbildung und Zielrealisierung beschäftigt. Nach Kuhl bestimmen dynamische Veränderungen des positiven und negativen Affekts, ob eine Absicht erfolgreich umgesetzt werden kann. Bei Kuhl ist der Begriff des Willens synonym zum Begriff der Selbststeuerung.

Nach Hugo Kehr (2001) gibt es zwei wesentliche Hauptaufgaben des Willens:

  1. Die künstliche Erzeugung von Handlungsenergie und
  2. die Unterdrückung störender Impulse.

Er nennt weiterhin Willensstratgien, die eingesetzt werden können, um die oben genannten Hauptaufgaben zu erfüllen. Exemplarisch werden drei beschrieben, die als wichtigste bezeichnet werden. Motivationskontrolle ist in dieser Trias ein künstlicher Eingriff in die Prozesse, bei denen Motive angeregt werden. Emotionskontrolle wird als der Versuch bezeichnet, willkürlich einen Stimmungswechsel herbeizuführen, um so in eine dem Ziel förderliche Stimmung zu kommen. Als letztes wird die Aufmerksamkeitskontrolle genannt, die dem Versuch entspricht, Gedanklich weg von den störenden und hin zu den zielkonformen Aspekten einer Situation zu kommen. Schon Mitte der 80er Jahre hat Julius Kuhl im Rahmen seiner Handlungskontrolltheorie diese und weitere so genannten Handlungskontrollstrategien postuliert.

Konstruktivismus

Aus der Sicht des Konstruktivismus (Philosophie) können Willensprozesse keinen kausalen Einfluss auf das Verhalten haben, da der Einfluss subjektiver auf motorische Prozesse nicht möglich sei. Diese These stützt sich unter anderem auf neuropsychologische Befunde, die besagen, dass zentralnervöse Prozesse, die der Handlungsinitiierung entsprechen, zeitlich vor dem bewussten Entschluss stünden. Die Interpretation dieser Befunde ist allerdings umstritten.

Siehe auch: Motivation, Wille, Handlungskontrolle

Literatur

See also: Wille (Psychologie), Affekt, Entscheidungstheorie, Handlungskontrolle, Julius Kuhl, Konstruktivismus (Philosophie), Kurt Lewin, Motivation, Neuropsychologie, PSI-Theorie (Kuhl)