Wirtschaftswunder
Als Wirtschaftswunder wird der rasche ökonomische Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.
Voraussetzungen für das deutsche Wirtschaftswunder waren die massive Wirtschaftshilfe durch den Marshall-Plan und der mit der Währungsreform von 1948 erfolgte Umstieg von der Reichsmark auf die D-Mark als Zahlungsmittel. Bis zum Ende der 50er Jahre entwickelte sich die Bundesrepublik zur zweitstärksten Wirtschaftsnation der Welt. Die politischen Weichen des Wirtschaftswunders stellte Ludwig Erhard, der von 1949 bis 1963 bundesdeutscher Wirtschaftsminister war.
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Ausgangssituation
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte große Zerstörung, der totale Zusammenbruch blieb jedoch aus.
Da die Reichsmark nach dem Krieg wertlos war, wurde diese am 21. Juni 1948 durch die Deutsche Mark, in den drei westlichen Besatzungszonen, abgelöst. Diese Währungsreform schaffte die Voraussetzung für eine wirtschaftliche Konsolidierung und ebnete den Weg für den Beitritt zum ERP, auch bekannt unter dem Namen „Marshall-Plan“. Wenige Tage später fand die Übergabe der „Frankfurter Dokumente“ statt. Das 1. Dokument enthielt die Ermächtigung der Regierungschefs eine Versammlung der 11 Landtage einzuberufen, damit eine angemessene Zentralgewalt und Grundrechte ausgearbeitet werden können, um so die deutsche Einheit wieder herzustellen. Das 2. Dokument enthielt die Aufforderung Änderungen der Ländergrenzen innerhalb der Westzonen vorzulegen und das 3. Dokument enthielt die Forderung Grundzüge eines künftigen Besatzungsstatus festzulegen. Diese Frankfurter Dokumente stellten die „Geburtsurkunde der Bundesrepublik Deutschland“ dar. Somit folgte anschließend eine schrittweise Wiederherstellung der Wirtschafts- und Sozialordnung. 1949 wurde Ludwig Erhard Bundesminister für Wirtschaft und brachte das Konzept der sozialen Marktwirtschaft in die Regierung ein.
Soziale Marktwirtschaft
Die Soziale Marktwirtschaft wurde zu Beginn der 50er Jahre zur Leitidee der Bundesrepublik Deutschland. Ludwig Erhard hat diese Idee entscheidend geprägt. Die soziale Marktwirtschaft besitzt den Charakter eines Mischsystems. Sie hat sowohl Elemente aus der freien Marktwirtschaft, wie aus der Zentralverwaltungswirtschaft. Die soziale Marktwirtschaft stellt also einen Weg zwischen zu wenig und zuviel Staat dar. Sie ist eine staatlich gelenkte, an sozialen Zielen orientierte Marktwirtschaft. Die Konzeption dieser Marktwirtschaft ist das Prinzip der Freiheit auf dem Markt verknüpft mit sozialem Ausgleich. So werden die Vorteile aus der freien Marktwirtschaft, wie wirtschaftliche Freiheit und technischer Fortschritt, gepaart mit den Vorteilen aus der Zentralverwaltungswirtschaft, wie hohes Beschäftigungsniveau und geringe Krisenanfälligkeit. Die Nachteile aus beiden Marktwirtschaften, wie Freiheitsmissbrauch und unzureichende Güterversorgung, fallen weg. Der Staat hat in der sozialen Marktwirtschaft eine starke Stellung, er greift im Interesse der Allgemeinheit in das Wirtschaftsgeschehen ein, er ist so Mitgestalter der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und stellt somit einen aktiven Staat dar. Die Grundlage des Systems ist das primäre Koordinationsprinzip, der Leistungswettbewerb, so wird die Monopolbildung unterbunden. Die geistige Grundlage ist der Personalismus, hier wird der Mensch nicht nur als Individuum gesehen, sondern auch als Sozialwesen, d.h. jeder trägt Verantwortung für sich und andere. Der Staat hilft nur, wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann (Subsidiaritätsprinzip).
Geschichte
1950 begann im Westen Deutschlands ein wirtschaftliche Aufschwung, der bis 1966 anhielt. Der Aufschwung wurde durch eine Reihe von Voraussetzungen begünstigt. Zunächst war die wirtschaftliche Infrastruktur im Westen Deutschlands trotz des Krieges noch weitgehend intakt. Die Währungs- und Wirtschaftsreform schufen ein günstiges Investitionsklima. Deutschland besaß eine große Reserve an qualifizierten Arbeitskräften, darunter Vertriebene aus dem deutschen Osten und Flüchtlinge aus der DDR. Der Marshall-Plan stelle enorme Finanzmittel zur Verfügung. Ein wichtiger Faktor war der Anstieg des Exports, verursacht durch den Korea–Boom 1950 und 1951.
Es entwickelte sich ein langsames, aber stetiges Exportwachstum. 1960 war der deutsche Export 4,5-mal so hoch wie 1950 und das Bruttosozialprodukt hatte sich verdoppelt. Das Kapital der Unternehmen mehrte sich, die Investitionen wuchsen. Der Aufschwung erhielt Tragkraft. Der deutsche Anteil an Weltexporten stieg von sechs auf zehn Prozent.
Die deutsche Industrie konnte auch nach dem Korea-Boom gegenüber dem Ausland einen Preiskonkurrenzvorsprung wahren. Deutschland nutzte eine europäische Dollarlücke und die Vorteile der Europäischen Zahlungsunion. Außerdem konnte die deutsche Industrie rasch moderne Investitions- und Gebrauchsgütern aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektroindustrie liefern.
Diese Ergiebigkeit der Ressourcen Kapitals und Arbeit mehrten sich. Die Investitionen stiegen von 1952 bis 1960 um 120 Prozent und das Bruttosozialprodukt nahm um 80 Prozent zu. Nach dem Krieg war die wirtschaftliche Infrastruktur zwar beschädigt, aber nicht völlig zerstört. Ab 1953 konnten deshalb Kapazitätserweiterungen im Vordergrund der Investitionen stehen. Das begünstigte die Aneignung modernster Technologien, Forschung und Entwicklung. Infolge der Zunahme des Sozialprodukts, war es möglich, den Kapitalbedarf zu decken. Der Westen Deutschlands näherte sich dem US-Standard. Die deutsche Fahrzeugindustrie bespielsweise konnte ihre Produktion zwischen 1950 und 1960 verfünffachen.
Industrie, Handel und Dienstleister konnten innerhalb weniger Jahre zwei Millionen Arbeitslose absorbieren. Zweieinhalb Millionen Menschen, die aus dem Osten Deutschlands zuwanderten, bekamen ebenfalls Arbeit. Seit den späten 50er Jahren herrschte Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote lag unter zwei Prozent.
1960 näherte sich die Phase der Investitionen langsam ihrem Ende. Die Kapazitäten in den Betrieben waren weitgehend ausgelastet und der technische Rückstand war aufgeholt.
Kritik
Zusammenfassend kann man sagen, dass der wirtschaftliche Aufschwung zu Stande kam, weil Deutschland alles in allem die Möglichkeiten von günstigen strukturellen Voraussetzungen wahrgenommen hat und so seinen Aufschwung vorantreiben konnte. Außerdem kamen noch einige hilfreiche Faktoren hinzu. So besaß Deutschland in der Nachkriegszeit eine fähige und leistungswillige Arbeiterschaft. Außerdem erhielt Deutschland technische Unterstützung aus den USA und nahmen auch den Marshall – Plan mit zur Hilfe. Ein weiterer Faktor war der kräftige Kapitalzuschuss ausländischer Rohstoff, - Halbwaren- und Nahrungsmittelproduzenten, dadurch konnte der technische Rückstand in Industriezweigen aufgeholt werden. Deren Erzeugnisse wiederum wurden, aufgrund starkem Industrie- und Wirtschaftswachstum in der ganzen westli-chen Welt, bei schneller Zunahme des Masseneinkommens und in Folge eines ausgedehnten Nachholbedarfs besonders stark und auch ausdauernd nachge-fragt. Man kann sagen, dass es sich um eine Kettenreaktion handelte, die im-mer weitere Reaktionen nach sich zog. Denn durch die große Nachfrage konn-ten große Potentiale an Arbeits- und Kapitalproduktivität erschlossen werden und die Produktion weit ausgedehnt werden ohne, dass die Betriebe an ihre Grenze zur inneren Kapitalbildung stießen. Ein weiterer Faktor, der nicht unerwähnt bleiben sollte ist, dass die Preise die ganze Zeit über in Deutschland fest blieben und nicht gestiegen sind. Dies lag ebenfalls zum Teil daran, dass hohe Produktivitätssteigerungen vorlagen. Auch durch angemessene Tarifvertragsabschlüsse blieben die Preise der Güter fest. Hinzu kam noch die aufmerksame Geldpolitik der Bank Deutscher Länder, die die Preise fest stabil ließen und sie sich somit nicht steigerten. All das und die hohe Qualität deutscher Güter bei kurzen Lieferfristen, veran-lassten die ausländischen Nachfrager ihren Bedarf in Deutschland zu decken. Diese umfangreiche Exportnachfrage war es dann auch, die die Aneignung moderner Verfahren bestätigten und motivierten und zum Ausbau der Kapazitäten führten.
Ende
Betrachtet man nun alle diese Aspekte, wird klar, dass es sich nicht wirklich um ein Wirtschaftswunder handelte, denn fast alle Länder Westeuropas erlebten einen Aufschwung in den 50er und 60er Jahren. Deutschland war lediglich ein ausgeprägtes Beispiel der weltweiten Wirtschaftskonjunktur. Dies relativiert den Mythos vom Wirtschaftswunder und erst recht das erfolgversprechende Rezept der sozialen Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft, der Erhard unterstellte sie wäre der Grund für den rapiden Aufschwung in der Bundesrepublik. Dennoch glaubten die meisten Deutschen an dieses Wirtschaftswunder, was man nicht negativ betrachten sollte, denn es motivierte sie noch mehr Leistung zu zeigen und das trug zum Aufschwung bei, was den Deutschen zu dieser Zeit noch nicht bewusst war. Im Jahr 1966 allerdings wurde der Aufschwung unterbrochen und es kam zur Rezession von 66/67. Diese Rezession war aus heutiger Sicht nicht sehr stark. Die Arbeitslosenquote stieg lediglich auf 2,1 Prozent, was noch immer Vollbeschäftigung war. Da aber die Bevölkerung verwöhnt war, nahmen sie die Rezession Erhard übel. Nach einigen anderen Ereignissen, welche hinzukamen trat Erhard, nachdem er die Vertrauensfrage gestellt hatte, am 1. Dezember 1966 zurück. Am Ende kann man die Worte von Hellmuth Karasek anführen: „Da die Deutschen das Jahr 1945 als Zusammenbruch“ erlebten (…), das Kriegsende als Stunde Null, konnte es eigentlich nur bergauf gehen.“
Österreich
Da auch Österreich Teil des Marshall-Plans war stellte sich auch hier eine rasche Wirtschaftsentwicklung ein. Durch Verstaatlichung einiger Industrien (VOEST, AMAG) und langen Arbeitszeiten erreichte man Vollbeschäftigung. Nach deutschen Vorbild wurde die Währung stabilisiert, in dem man den Österreichischen Schilling an die D-Mark koppelte. In journalistischen Kreisen sprach man daher, angelehnt an den Adenauer-Erhard-Kurs, vom Raab-Kamitz-Kurs, benannt nach dem Bundeskanzler Julius Raab und dessen Finanzminister Reinhard Kamitz. In den 1960er Jahren wurden dann auch erstmals Gastarbeiter aus Süditalien und Griechenland ins Land geholt, da sich auf Grund des starken Wirtschaftsaufschwunges sogar ein Arbeitskräftemangel abzeichnete.
