Zentralabitur

Als Zentralabitur wird die Abiturprüfung bezeichnet, wenn die schriftlichen Prüfungsaufgaben von einer zentralen Behörde, in Deutschland in der Regel dem Kultusministerium eines Bundeslandes, gestellt werden.

Inhaltsverzeichnis

Zentralabitur in Deutschland: Geschichte und Gegenwart

In Deutschland ist das Zentralabitur 1946 in Bayern, den drei Vorgängerstaaten des heutigen Baden-Württemberg, in Rheinland-Pfalz und im Saarland eingeführt worden, teilweise unter dem Einfluss der französischen Besatzung. Nach dem Ende der Besatzungszeit wurde das Zentralabitur in Rheinland-Pfalz wieder abgeschafft.

Heute ist ein bundesweiter Trend zum Zentralabitur zu verzeichnen. Das Zentralabitur gibt es bereits in:

Seine Einführung ist beschlossen in:

Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein wollen derzeit bei dezentralem Abitur bleiben.

Organisation

Beim Zentralabitur werden landesweit ausgewählte Lehrer (die zum betreffenden Termin meist einen eigenen Kurs aufs Abitur vorbereiten), aufgefordert, Abituraufgaben vorzuschlagen. Aus diesen Vorschlägen wählt eine Kommission aus; in einem mehrstufigen Verfahren werden die Aufgaben überprüft und nötigenfalls umformuliert.

In Baden-Württemberg wird manchmal die Auswahl der aufgabenstellenden Lehrern auch folgendermaßen durchgeführt: Die 4 Regierungspräsidien, bzw. die jeweiligen Referate für Schule und Bildung werden gebeten, Aufgaben zu stellen. Diese bitten die Schulen nach einem ihnen eigenen Verfahren. Die ausgewählte Schule bestimmt den Lehrer. Dabei wird versucht, jedes Jahr andere Lehrer zu bestimmen. Es kann vorkommen, dass Lehrer Aufgaben stellen, die selbst einen Kurs auf das Abitur vorbereiten. Dies gilt besonders für Fächer, die wenig verbreitet sind. Beispiel: Informationstechnik im Technischen Gymnasium.

Die Prüfungsaufgaben des Zentralabiturs kommen somit unter Mitwirkung einer beträchtlichen Anzahl erfahrener Pädagogen zustande, wobei das entscheidende Personal im Laufe der Jahre nur langsam erneuert wird. Diese personelle Kontinuität garantiert weitgehende Kontinuität in Art und Schwierigkeit der Aufgaben. Andererseits kann die Kultusbürokratie durch überraschende Teilaufgaben durchaus auch einmal Impulse für die Neuausrichtung des Unterrichts setzen - wesentlich effizienter als durch Lehrplanänderungen [Stumpf 1993].

Wo kein Zentralabitur durchgeführt wird, muss jeder Lehrer, der einen Kurs auf das Abitur vorbereitet hat, mehrere Abiturvorschläge ausarbeiten, die von der Schulaufsichtsbehörde kontrolliert werden.

Pädagogische Wertung

Pädagogisch ist das Zentralabitur heftig umstritten, wobei die allermeisten Lehrer für diejenige Variante eintreten, die sie aus ihrem Land gewohnt sind [Stumpf 1993]; wahrscheinlich gilt dasselbe für die Absolventen [eigene Beobachtungen].

Auf den ersten Blick erweckt das Zentralabitur den Anschein größerer Gerechtigkeit für sich. Dagegen lässt sich einwenden, dass bei zentral gestellten Abitur zwar die Prüfungsaufgaben, nicht aber die Vorbereitung für alle Schüler gleich ist. In diesem Kontext ist aber auch zu hinterfragen inwiefern eine "gleiche" Vorbereitung über identische Lehrpläne hinaus möglich wäre, zumal bei dezentral gestellten Prüfungen nahezu kein Anhaltspunkt zur Vergleichbarkeit der Vorbereitung der Schüler gegeben ist. Nichtsdestoweniger kommt es bei nichtzentralem Abitur in Einzelfällen vor, dass Lehrer ihre Schüler, unter Missbrauch ihres Ermessensspielraums, überaus gezielt auf einzelne Prüfungsaufgaben vorbereiten (literarisch verarbeitet in "Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg). Um solche Gegebenheiten zu vermeiden wurden entsprechende Kontrollmechanismen entwickelt, beispielsweise die schulaufsichtliche Kontrolle und Auswahl der eingereichten Aufgaben, eine Zweitkorrektur, mündliche Prüfungen bei signifikant von den Vornoten abweichende schriftliche Ergebnisse.

Die Heftigkeit, mit der in Deutschland über die Organisationsform des Abiturs gestritten wurde (und wird; aber mit den inzwischen gefallenen politischen Entscheidungen dürfte der jahrzehntelange Streit allmählich zu Ende gehen), ist wahrscheinlich nur mit dem in kultureller Tradition begründeten Symbolwert dieser Prüfung zu erklären: denn die tatsächliche Bedeutung der schriftlichen Arbeiten ist durch die Ausgestaltung des Abiturs als ausbildungsbegleitende Prüfung seit 1972 stark reduziert. Nach derzeit (2004) bundesweit geltender Regelung gehen die Noten aus sämtlichen schriftlichen Prüfungen zusammengenommen mit einem Gewicht zwischen nur 10.7% (6/56) und 21.4% (12/56) in die Abiturnote ein (das genaue Gewicht hängt davon ab, wieviele Abiturfächer es gibt, wieweit mündliche Prüfungen stattfinden und ob eine besondere Lernleistung eingebracht wird).

Während die Auswirkung des Zentralabiturs auf die Abiturnote also zumeist überschätzt wird, hat es unstreitig signifikanten Einfluss auf den vorhergehenden Unterricht und die individuelle Prüfungsvorbereitung.

Die zentrale Organisation und die personelle Kontinuität der Hauptverantwortlichen im Ministerium garantieren eine relativ hohe Qualität, auch hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades der Aufgabenstellung. Indem man jährlich die Lehrer, welche eine komplette Abiturprüfung für ihr Fach erarbeiten, austauscht, versucht man zu ähnliche Aufgaben zu vermeiden (darüber hinaus werden meist Weisungen verteilt, die die Lehrer zur Berücksichtigung der bisher gestellten Abituraufgaben hinweist). Zumeist verpflichtet das jeweilige Kultusministerium mehrere Lehrkräfte eine Abiturprüfung für ihr Fach zu erarbeiten, aus der dann die Beste gewählt werden kann. Bei dezentralen Prüfungen kann hingegen der Schüler sicher sein, dass nicht oder nur sehr oberflächlich behandelte Themengebiete des Stoffplans nicht Teil der Aufgaben sein werden. Meist kann der Schüler aber abschätzen, dass Aufgaben welche in den letzten ein bis zwei Jahren nicht vorkamen, nun Teil des Abiturs werden. Dadurch begünstigt das Zentralabitur eine Prüfungsvorbereitungsstrategie, die sich zu einem entscheidenden Anteil auf käuflich erhältliche Prüfungsaufgaben der letzten Jahre oder Jahrzehnte stützt. Zumeist werden aber die wesentlichen Lerninhalte in den Prüfungen abgefragt und repräsentieren somit im Schnitt über die Jahre jeden Aspekt des Lehrplans. Da andere Vorbereitungsstrategien für viele Schüler eine Überforderung darstellt, sind diese Aufgabensammlungen aber auch in Ländern mit nicht-zentralem Abitur weit verbreitet. Da sich überdies auch Lehrer an diesen Sammlungen orientieren, ist die inhaltliche Angleichung der übrigen Bundesländer an das süddeutsche Zentralabitur teilweise seit langem im Gange.

Die Rückwirkung des Zentralabiturs auf den Unterricht in der Oberstufe ist wahrscheinlich der problematischste und jedenfalls diskussionswürdige Aspekt des Themas; diese Rückwirkung wird verstärkt, wenn schon die Klausuren der Qualifizierungsphase "im Abiturstil" konzipiert sind. Die Abituraufgabensammlungen lenken den Unterricht stärker, als jeder Lehrplan es könnte. Zu Beachten ist aber, dass das Auswahlgremium sich eben meist an den wesentlichen Punkten im Lehrplan orientiert. Die Sinnfrage wird externalisiert: man muss sich nicht daran aufreiben, den Lernstoff zu begründen oder in Frage zu stellen, da er ja unbeeinflussbar von außen vorgegeben ist. Fraglich ist auch, ob angesichts der zunehmenden Überfrachtung des Lehrplans, der Überbelastung der Lehrer und anderer widriger Bedingungen im Lehrumfeld die Sinnfrage überhaupt noch gestellt wird. Natürlich hängt es von der Persönlichkeit des einzelnen Lehrers und auch vom Interesse der Schüler ab, wieweit Unterricht zur reinen Prüfungsvorbereitung degeneriert.

Weiterführende Informationen

Literatur

See also: Zentralabitur, Abitur, Besondere Lernleistung, Friedrich Torberg, Gerechtigkeit, Klausur, Kontinuität, Kontrolle, Kultusministerium, Lehrplan