Zufall (Philosophie)
Der Zufall bezeichnet
- 1. etwas, das durch den Verlauf äußerer Umstände bedingt ist, im Unterschied zur Notwendigkeit, die durch die innere Natur der Dinge bedingt ist.
- 2. etwas, das sein, aber auch nicht sein kann, im Unterschied zur Notwendigkeit, die etwas ist, das obligatorisch vor sich gehen muss.
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Zum Zufall in der Beziehung zum Gesetz und den Zusammenhängen in der objektiven Realität
Der Zufall existiert als objektive Beziehung zwischen verschiedenen Ereignissen, die ihren Grund nicht in den wesentlichen inneren Bedingungen der Ereignisse hat. Der Zufall muss in seiner dialektischen Beziehung zum Gesetz untersucht werden. Als objektive Beziehung ist er im objektiven Zusammenhang begründet.
Zu seiner Erklärung brauchen keine übernatürlichen Ursachen herangezogen werden. Der objektive Zusammenhang ist unendlich kompliziert. Es existieren jedoch objektiv allgemeine, notwendige und wesentliche Beziehungen, die von der Wissenschaft erkannt und in Theorien als Widerspiegelungen objektiver Gesetze enthalten sind. Zufälle unterscheiden sich gerade dadurch von anderen Formen des objektiven Zusammenhangs, dass sie nicht allgemein-notwendig, das heißt reproduzierbar sind.
Die Negation des Zufalls im Dogma des mittelalterlichen metaphysischen Determinismus
Sie sind Erscheinungsformen der Gesetze (dazu Einzelheiten weiter unten). In der Auseinandersetzung mit Idealismus und Wunderglauben vertraten die Materialisten des Mittelalters meist einen metaphysischen Determinismus, der die materiellen Prozesse alle als notwendig erklärte, den Zufall aus der Betrachtung ausschloss und damit letztlich zum Fatalismus führte. Die antiken Atomisten waren ebenso wie später zum Beispiel B. Spinoza und P.H.D. Holbach Verfechter des metaphysischen Determinismus.
Während allerdings Demokrit die Notwendigkeit des Atomverhaltens betonte, schrieb Lukrez bei seiner Darstellung der Auffassung Epikurs in seinem Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge", dass die Körper durch ihr Gewicht zu ungewisser Zeit an unbestimmtem Ort etwas von ihrer Bahn abwichen; nur dadurch könne Wechselwirkung entstehen(Atomistik).
Zur Rolle des Zufalls bei Hegel und Engels
Von den Dialektikern hat sich vor allem G. W. Hegel mit dem Verhältnis von Notwendigkeit und Zufall befasst. In der Auseinandersetzung mit dem Idealismus Hegels und dem metaphysischem Materialismus entwickelte Friedrich Engels den dialektischen Determinismus. Er zeigte die Objektivität des Zufalls, wies begründet den Indeterminismus zurück und fasste den Zufall als Erscheinungsform der Notwendigkeit.
Besondere Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Auffassungen vom Zufall hatte die dialektisch-materialistische Deutung der Ergebnisse der Quantenmechanik, die für die Physik die objektive Existenz des Zufalls nachwiesen. Aus der philosophischen Analyse der statistischen Gesetzeskonzeption ergibt sich, dass der Zufall als zufällige Verwirklichung von Möglichkeiten eines aus dem Gesetz sich ergebenden Möglichkeitsfeldes auftreten kann; für diese Verwirklichung existiert eine Wahrscheinlichkeitsverteilung.
Zur Unterscheidung der Arten des Zufalls
Damit hat die Dialektik von Notwendigkeit und Zufall auch für die Struktur des statistischen Gesetzes Bedeutung. Betrachtet man die Dialektik von Gesetz und Zufall, so kann man Arten des Zufalls unterscheiden:
- 1.) systeminnere und systemäußere Zufälle, die für das Verhalten des Systems entweder wesentlich oder unwesentlich sein können. Wesentlich sind solche Zufälle, die das System entscheidend verändern oder es in seiner Existenz gefährden. Unwesentlich sind die Zufälle, die in das Verhalten des Systems integriert werden können, ohne seine Makrostruktur und seine Funktion zu beeinflussen;
- 2.) systeminterne Zufälle sind wiederum zu differenzieren. Es gibt solche, die als zufällige Verwirklichungen von Möglichkeiten mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit im Gesetz enthalten sind, und solche, die als Erscheinungsformen der Gesetze in den zufälligen Beziehungen zwischen verschiedenen Ereignissen auftreten;
- 3.) es gibt erkannte und unerkannte Zufälle; die unerkannten müssen darauf analysiert werden, ob sie systeminnere oder systemäußere, wesentliche oder unwesentliche Zufälle sind, ob sie in der Struktur von Gesetzen enthalten oder konkrete Erscheinungsformen der Gesetze sind.
Zur Interpretation des Zufalls als Schnittpunkt von Kausalketten
Manchmal wird der Zufall noch als Schnittpunkt von Kausalketten oder von Notwendigkeiten betrachtet. Wenn damit nur die Objektivität des zufälligen Zusammenhangs betont und die Dialektik von Notwendigekit und Zufall berücksichtigt werden soll, ergeben sich keine Einwände gegen diese Interpretation.
Nur bringt sie ungenügend die Spezifik des Zufalls zum Ausdruck, als Beziehung zwischen Ereignissen nicht durch die wesentlichen inneren Beziehungen jedes Ereignisses begründet zu werden. Der Tod eines Menschen bei einem Verkehrsunfall ist tatsächlich das Zusammentreffen verschiedener Ereignisse und damit auch verschiedener Notwendigkeiten und Kausalketten.
Aber aus den inneren wesentlichen Bedingungen dieser Ereignisse, Notwendigkeiten und Kausalketten folgt nicht ihre zufällige objektive Beziehung, die im Tod eines bestimmten Menschen besteht. Man kennt zwar die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen des Unfalltods bei Unfällen, die Wahrscheinlichkeit von Todesursachen der verschiedensten Art, die Bedeutung von Verletzungen für das Funktionieren des menschlichen Organismus und so weiter, aber alles, was man an Gesetzen kennt, liefert keine unmittelbare Begründung für das bestimmte Zusammentreffen im Verkehrsunfall.
Zur eigentlichen Spezifik des Zufalls innerhalb einer Systembetrachtung
Der Zufall steht also nicht außerhalb des objektiven Zusammenhangs. Denn würde diese Schlussfolgerung nicht zutreffen, so müsste es einen absoluten Zufall im Sinne eines ursachelosen Ereignisses geben (was allgemein unter "Wunder" zu verstehen ist). Aber auch das Ereignis des Zufalls wird durch eine Ursache eingeleitet. Die Spezifik des Zufalls besteht darin, kein Gesetz, kein allgemein-notwendiger und wesentlicher Zusammenhang zu sein. Wesentlich kann er nur bezogen auf die Verhaltensweisen eines Systems sein, die er entscheidend verändert. Wesentlich ist er nicht in dem Sinne, aus den wesentlichen inneren Bedingungen eines Ereignisses begründet zu sein.
siehe auch: Zufall Kategorie: Philosophie
